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CHOREA HUNTINGTON

TODESTANZ

VON DIRK KUNZ

Eine heimtückische Erbkrankheit hat fast die ganze Familie von Ursula S. ausgemerzt. Weil die Schwiegermutter nicht auf Enkelkinder verzichten wollte verschwieg sie offenbar den Gendefekt in der Familie ihres Mannes. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent geben die Patienten die Krankheit an ihre Kinder weiter.

Der Schwiegervater Arnold S. bringt die heimtückische Krankheit in die Familie. Als sehr leicht erregbar, teilweise aggressiv, aufbrausend und rastlos, beschreibt ein Verwandter ihn. Einen Namen kann man den Symptomen seiner Erkrankung noch nicht zuordnen, als posttraumatische Belastungsstörung, die er aus dem Zweiten Weltkrieg mit nach Hause brachte, hat man die Auswirkung seiner Krankheit gedeutet. Und tatsächlich litten traumatisierte Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg nach Kampfeinsätzen lange Zeit später unter unkontrolliertem Zittern und Konzentrationsschwierigkeiten. Parkinson denkt man bei ihm zuerst. Als Ursula S. ihren Mann kennenlernt und ihn zu Hause besucht, versteckt man den schon erkrankten Arnold S., der während des Zweiten Weltkrieges vom Ruhrgebiet in das 140-Seelen-Dorf nach Mittelhessen gekommen ist. Sie erinnert sich, wie freundlich die zukünftigen Schwiegereltern damals waren. Im Nachhinein kam es ihr merkwürdig vor. Es war die vermögendste Familie im Ort, ihre eigene Familie bezeichnet Ursula S. damals als arme Leute. „Hier sind schon so lange keine Kinder mehr im Haus gewesen, wir freuen uns schon drauf“, sagt die Schwiegermutter und als im ersten Jahr nicht sofort ein Enkel kommt, macht ihr die Großmutter schon Vorwürfe: „Du wirst es uns doch nicht antun, dass Du kinderlos bleibst!?“

Eines Tages ruft die Schwiegermutter sie an ihrer Arbeitsstelle an. Sie soll sofort nach Hause kommen, Arnold S. würde nicht mehr wach werden. Sie eilt zu ihr, der Schwiegervater ist schon vom Notarztwagen abgeholt worden. Im Krankenhaus wird ihm der Magen ausgespült. Aus Verzweiflung über seine fortschreitende Krankheit habe er eine Überdosis Schlaftabletten genommen. Als er wieder aufwacht sagt er: Hättet ihr mich doch gehen lassen.“ Der Suizidversuch wird verschwiegen, es soll kein Gerede im Dorf geben. Anfang der 60er Jahre fährt Ursulas Schwiegermutter mit ihrem erkrankten Mann, Arnold S,. nach Tübingen zu einem Professor. Was sie dazu bewegt oder wie sie an die Adresse kommt, lässt sich heute nicht mehr in Erfahrung bringen. Der Arzt diagnostiziert damals die unheilbare Erkrankung des Gehirns anhand der klinischen Symptome anscheinend zum ersten Mal. Sie behält die Diagnose für sich. Sagt nichts zu ihrem Sohn oder seiner Frau. Auch nicht als sie erfährt, dass die zum ersten Mal schwanger ist. 1967 kommt ihre Tochter Carmen, ein Jahr darauf ihr Sohn Thorsten zur Welt. Später besucht sie mit ihrer Schwiegertochter jeden Samstag Arnold S. in einer psychiatrischen Klinik. 1974 stirbt der im Alter von nur 59 Jahren, davor ist er zehn Jahre akut erkrankt. Erst als die Schwiegermutter 1990 stirbt, findet Ursula S. Unterlagen, auf denen der Krankheitsbefund von Arnold S. verzeichnet ist: Chorea Huntington.

Sechs Jahre nach dem Tod seines Vaters, kurz nach der Beförderung zum Amtmann Anfang der 80er Jahre sagt ihr Mann Hans-Werner plötzlich zu ihr, dass er mit der Fülle und Komplexität seiner beruflichen Aufgaben nicht mehr zurechtkommt. Zwei Jahre ist er zunächst krankgeschrieben und kein Arzt weiß, was ihm wirklich fehlt. Ein Professor einer Universitätsklinik konfrontiert ihn schließlich mit der Diagnose. Wieder zu Hause bei seiner Frau, sagt der damals 39-Jährige: „Ich habe die Krankheit meines Vaters!Über die Endgültigkeit und Finalität dieser unheilbar fortschreitenden und unweigerlich zum Tode führenden Krankheit sind sich beide nicht im Klaren: „Wenn es so bleibt wie es jetzt ist, können wir damit leben“, sagen sie sich. Es bleibt aber nicht so. Seine Frau pflegt ihn weitgehend alleine. Er kann sich nicht mehr rasieren, sie putzt ihm die Zähne und ihr Mann weiß eines Tages nicht mehr, dass man das Wasser im Mund ausspült. Er hat Halluzinationen, sieht Dinge, die nicht vorhanden sind, trotzdem geht seine Frau noch jeden Tag mit ihm spazieren. Erst ganz zum Schluss kommt er schließlich in eine Pflegeeinrichtung. Wie viele Erkrankte wird er zum Ende seiner Leidensgeschichte bettlägerig und stirbt schließlich an den Folgen einer Atemwegsinfektion in den Armen seiner Frau.

Thorsten S. während seiner Bankkaufmannslehre. Foto: Privat

Thorsten S. während seiner Bankkaufmannslehre.                                                                                            Foto: Privat

Der gemeinsame Sohn Thorsten ist zu der Zeit 23 Jahre alt und sagt: „So möchte ich nicht sterben.“ Das tut er auch nicht: Er stirbt langsamer und qualvoller. Er hat seine Lehre als Bankkaufmann bestanden, danach leistet er seinen Wehrdienst ab. Bei der Waffenreinigung braucht er die dreifache Zeit seiner Kameraden, seine Vorgesetzten –so sagt es seine Mutter– sehen darin eine Provokation und sanktionierten ihn mit Disziplinararrest. Thorsten beginnt sich mit Alkohol zu betäuben, so als wüsste er, welches Schicksal ihm noch bevorsteht. Weitere neurologische Symptome treten auf: Sein Gang ist schwankend, die Hände zittern – nicht nur, wenn er wieder zu viel Alkohol trinkt. In seiner ersten eigenen Wohnung vergisst er, die Herdplatten abzuschalten, irgendwann ruft er seine Mutter an, er könne nicht mehr alleine wohnen. Er will sich von einer 50 Meter hohen Autobahnbrücke stürzen, er ist schon oben, kann aber nicht springen und wird schließlich in eine psychiatrische Klinik aufgenommen. Oft flieht er aus der psychiatrischen Anstalt, startet seine Alkoholtouren und kehrt danach wieder ins Krankenhaus zurück. Darauf angesprochen sagt er zu seiner Mutter: „Ich will Freunde treffen, lange werde ich das nicht mehr können.“
Über die Krankheit haben sich Mutter und Sohn nicht mehr unterhalten, er sei zu solchen Gesprächen
–auch aufgrund seiner Alkoholerkrankung nicht mehr in der Lage gewesen, eine Patientenverfügung hatte er nicht hinterlassen. Zehn Jahre lang liegt er als Schwerstpflegefall im Bett, ihm muss der große Zeh aufgrund von Durchblutungsstörungen abgenommen werden. An seinem 43. Geburtstag im Jahr 2011 besucht die Mutter ihren Sohn im Krankenhaus und sagt, dass ihm die flüssige Nahrung, die mittels Magensonde zugeführt wird, aus dem Mund läuft. Sie ruft die Betreuerin an und am nächsten Tag wird er ins Sterbehospiz verlegt, die Magensonde wird entfernt, die lebensverlängernden Maßnahmen eingestellt. Dort besucht die Mutter ihren Sohn, streichelt ihn und erzählt Geschichten vom Himmel, wo er seinen Vater und seine Schwester wieder sehen werde. Knapp drei Wochen später stirbt er.

Thorstens Schwester Carmen erkrankt zwölf Jahre nach ihm akut und stirbt fünf Jahre vor ihm. Ihr erstes Kind kommt 1995 zur Welt und eine Fruchtwasseruntersuchung verschafft Gewissheit: Das Kind ist gesund. Während der zweiten Schwangerschaft mit ihrem zweiten Mann im Jahr 2004 sind schon die unkontrollierten Bewegungen íhrer Arme zu sehen. Die Mutter rät von der Schwangerschaft ab. Doch ihre Tochter ist uneinsichtig, sie will sich auf keine Diskussion einlassen. Sobald in einem Gespräch die Krankheit auch nur erwähnt wird, entzieht sie sich und ist ungehalten. Sie möchte das ungeborene Kind nicht testen lassen, sie will das alleine entscheiden, ihren Mann bezieht sie in die Entscheidung nicht ein. Die Hormone, die bei der Schwangerschaft freigesetzt wurden, hätten den Verlauf der Krankheit intensiviert, sagt die Mutter Ursula. Carmen stirbt als Pflegefall nur zwei Jahre nach der Geburt ihres zweiten Kindes an den Folgen einer Lungenembolie, weil sie zu wenig Flüssigkeit zu sich nahm. Die Mutter findet im Nachlass ihrer Tochter viele handschriftliche Notizen, mit denen die Kranke ihren Tag organisieren wollte: Spülmaschine ausräumen, Ehemann anrufen, Wohnzimmer saugen, Spazieren gehen. Ihr zweites, ungetestetes Kind ist heute elf Jahre alt. Es habe den Gendefekt vermutlich nicht, macht sich die Großmutter Ursula S. Mut: „Man sieht ihm nichts an!”

Thorsten S. lag zehn Jahre als Schwerstpflegefall im Krankenhaus. Foto: Privat

Thorsten S. lag zehn Jahre als Schwerstpflegefall im Krankenhaus.                                                                             Foto: Privat

Chorea Huntington

Etwa 8000 bis 10000 Menschen in Deutschland haben diese Erbkrankheit des Gehirns. Sie ist fortschreitend und bricht meist zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr aus (aber auch da gibt es große Schwankungen). Viele Patienten leiden unter Bewegungs- und Verhaltensstörungen, später kommt es zum Rückgang der intellektuellen Fähigkeiten. Das Protein Huntingtin tötet letztlich Nervenzellen in bestimmten Gehirnanteilen, die für wesentliche Funktionen wie die Bewegungskontrolle, aber auch die psychische Gesundheit notwendig sind. Der amerikanische Arzt George Huntington hat als erster erkannt, dass es sich um eine Erbkrankheit handelt. Zu den auffälligsten Krankheitszeichen eines Huntington-Patienten gehören die choreatischen (griech. Choreia=Tanz; unwillkürlichen und unkontrollierbaren) Bewegungen. Man versteht darunter schnelle, eckige, sich wiederholende Positionsveränderungen eines Muskels oder mehrerer Muskeln, die ohne den Willen des Erkrankten auftreten. Zusammen  mit dem unsicheren, fast torkelnden Gang und dem Grimassieren können diese Symptome sehr entfernt an einen Tanz erinnern. In früheren Zeiten erbat man bei einem solchen Krankheitsbild Hilfe vom Heiligen Veit, der auch Schutzpatron der Tänzer ist. So kam es wohl zur ursprünglichen Krankheitsbezeichnung “Veitstanz”.

INTERVIEW

 

Prof.Dr. Carsten Saft

Prof.Dr. Carsten Saft       Foto: Privat

Herr Professor Dr. Saft, ist der oben geschilderte Bericht aus Mittelhessen ein typisches Beispiel für Chorea Huntington-Erkrankungen?

Dr. Saft: Solche Fälle können vorkommen. In der Regel tritt die Krankheit in ähnlichem Alter auf, wie in der Elterngeneration. In dieser Familie tritt die Krankheit relativ früh auf, das kann sein, zumal, wenn sie über die männliche Seite vererbt wird, das muss aber auf keinen Fall immer so sein. Das Gen kann bei der Vererbung im Ausnahmefall instabil sein, und das passiert im Rahmen der Spermienbildung überwiegend bei der Vererbung über den Vater. Die leichte Erregbarkeit und Aggressivität des Schwiegervaters sind keineswegs immer ein Symptom, können aber ebenfalls vorkommen.

Die im Artikel beschriebene Schwiegermutter war natürlich auch eine Person ihrer Zeit. In den dörflichen Strukturen vor 70 Jahren waren Krankheit, Behinderung und Kinderlosigkeit ein größerer Makel als heute. Sind solche Fälle in der Gegenwart noch möglich?

Dr. Saft: Die Offenheit und die Bereitschaft über Chorea Huntington zu sprechen haben deutlich zugenommen, es gibt Selbsthilfegruppen, Internet-Foren und Zentren, wo sich Patienten vorstellen und an Studien teilnehmen können.

Es scheint so, als habe auch ein etwas unkritischer Umgang mit Alkohol in dieser Familie eine gewisse Rolle gespielt. Gibt es da eine allgemeine Kohärenz zu der Chorea Huntington Erkrankung?

Dr. Saft: Es gibt Patienten, die eine innere Anspannung empfinden und sich mit Alkohol auch selbst beruhigen und sich diesen als eine Art Selbstmedikation verabreichen, aber das ist nicht typisch für Chorea Huntington-Patienten. Ich warne entschieden davor, diese Menschen als Alkoholiker zu bezeichnen. Das einzige, was auffällt ist, dass viele Patienten überproportional häufig rauchen.

Die Mutter von Carmen sagte, dass deren zweite Schwangerschaft die Krankheit hätte ausbrechen lassen. Wie lässt sich das medizinisch erklären?

Dr. Saft: Ich bezweifle da eine Kausalität. Ich nehme an, dass dies eher ein Erklärungsmodell der Mutter ist. Es kann aber schon sein, dass Hormonspiegelveränderungen einen Einfluss auf die mit der Krankheit einhergehenden Bewegungsstörungen haben können. Hier halte ich den Zusammenhang aber für zufällig.

Dürfen ungeborene Kinder aufgrund einer positiven Chorea Huntington-Diagnose abgetrieben werden?

Dr. Saft: Seit dem Gendiagnostik-Gesetz von 2010 darf es keine vorgeburtlichen diagnostischen Untersuchungen von Embryos mehr geben, um eine Erkrankung festzustellen, die in der Regel erst im Erwachsenenalter auftritt. Dazu gehört auch Chorea Huntington. Allerdings entstehen zur Zeit Zentren zur Präimplantations-Diagnostik (PID), denen sich Paare mit Kinderwunsch vorstellen können. Es muss eine Ethik-Kommission entscheiden, ob eine Untersuchung des wenige Tage alten Embryos hinsichtlich Chromosomenanomalien möglich ist. Bei der PID werden die Eizellen entnommen und mit Hilfe einer Spermaprobe des Mannes befruchtet. Nach etwa drei Tagen verfügt der Embryo über acht Zellen. Ein bis zwei Zellen werden von jedem Embryo in diesem Stadium entnommen. Diese Zellen werden genetisch darauf untersucht, ob sie die Huntington Mutation haben. Schließlich werden ein oder zwei Embryonen, die die Mutation nicht haben, in die Gebärmutter transferiert, damit sie sich entwickeln.

Bei Carmens zweitem Kind hofft die Großmutter, dass es den Gendefekt nicht hat. Man sähe es ihm nicht an!?

Dr. Saft: Letztlich kann man das nicht sagen. Bevor die Krankheit keine Symptome zeigt gibt es keine Gewissheit. Man kann sich absolut gesund und fit fühlen und trotzdem Mutationsträger sein. Es hat auch nichts damit zu tun, ob man einem Elternteil ähnlich ist oder nicht. Man muss sich genau überlegen, ob man es wissen will. Viele wollen keine Sicherheit und möchten lieber die Hoffnung haben, dass sie das defekte Gen nicht haben. Wichtig ist, dass man sich Zeit lässt bei einer solchen Entscheidung. Vor dem Test sollte man sich überlegen: Schließe ich eine Berufsunfähigkeits- und eine Pflegeversicherung ab? Außerdem sollte man ein humangenetisches Beratungszentrum aufsuchen.

Wie gehen Betroffene mit einer solchen Krankheit um?

Dr. Saft: Ich betreue Familien, in denen der gesunde Partner den kranken über lange Jahre pflegt und dann anschließen unter Umständen die erkrankten Kinder betreut. Die Menschen sind so tapfer, mit welcher Hingabe sie das tun. Ich bewundere das.

Wird es in absehbarer Zeit ein Mittel gegen Chorea Huntington geben?

Dr. Saft: Mit Medikamenten können wir schon jetzt die Symptome der Erkrankung lindern: die Bewegungsstörungen dämpfen, Depressionen und Reizbarkeit eindämmen, in diesem Bereich wird sehr intensiv geforscht. Es gibt aber noch kein Medikament, mit dem man die Krankheit an sich verzögern kann. Aber auch da gibt es Studien, die den Krankheitsverlauf beeinflussen sollen. Seit der Identifizierung des für die Krankheit verantwortlichen Gens im Jahre 1993 hat die Forschung einen großen Schritt nach vorne gemacht. Die Pharma-Industrie erhofft sich bei der Forschung bezüglich Chorea Huntington natürlich auch Ergebnisse, die sie bei anderen degenerativen Krankheiten des Nervensystems wie Parkinson oder Alzheimer nutzen kann. Ich würde Patienten, Mutationsträgern und Risikopersonen aus Huntington-Familien empfehlen, sich einem Zentrum vorzustellen, um sich über die Möglichkeiten, die es gibt zu informieren. Gute und aktuelle Infos zu dem, was in der Forschung passiert, gibt es zum Beispiel auf der Seite HDBuzz.

Herr Professor Dr. Saft, vielen Dank für das Gespräch!

Professor Dr. Carsten Saft ist Oberarzt am Katholischen Klinikum in Bochum. Er leitet das Huntington-Zentrum in Nordrhein-Westfalen.

 

Ergänzung:

DirkKunzIn einer früheren Version des Artikels war noch eine Abbildung von der Tochter Carmen und ein Hochzeitsfoto von Ursula und ihrem Mann Hans-Werner S. enthalten. Später bat Frau S. mich, beide Bilder nicht mehr zu publizieren. Dieser Bitte bin ich nachgekommen.

ROLF GÖLZ

PORTRÄT

Der Nüchterne

„Tour-Sieger werde ich nie, aber Millionär“ hat Rolf Gölz einst gesagt und er sollte Recht behalten. Er war einer der erfolgreichsten deutschen Radrennfahrer in den 80er Jahren und galt als Klassikerspezialist. Auch nach seiner Karriere blieb der Geschäftsmann erfolgreich.

Rolf Gölz

Rolf Gölz mit seinem original Colnago-Rad aus den 80er Jahren vor seinem Radgeschäft in Bad Waldsee.

VON DIRK KUNZ (TEXT UND FOTOS)

BAD WALDSEEDie 17. Etappe der Tour de France läuft auf einem Bildschirm im weitläufigen Verkaufsraum des Radgeschäftes von Rolf Gölz in Bad Waldsee. Der ehemalige Profi und zweifacher Tour-Etappensieger schaut nur kurz auf den Flachbildschirm. „Das ist lange her.“ Während des Tages hat er wenig Zeit, das Rennen zu verfolgen. Abends schaut er manchmal die Zusammenfassung an. Sentimentalitäten sind seine Sache nicht.
Nach seiner Radsportkarriere studierte Gölz BWL. Eine Vernunft-Entscheidung. An Ingenieurwissenschaft traute er sich nicht ran („Zuviel Mathematik“) und da er ein Fahrradgeschäft eröffnen wollte, bot sich das Wirtschaftsstudium an, außerdem konnte er zu Hause wohnen, da sich die FH Biberach in der Nähe befand. Danach hat er ein Jahr in seinem Radgeschäft gearbeitet, direkt im Laden stehen und verkaufen wollte er aber langfristig nicht, so kam die Offerte von Hans-Michael Holczer 2002 genau zur richtigen Zeit. Bis 2006 war er sportlicher Leiter für das Team Gerolsteiner. Danach arbeitete er zwei Jahre für einen lokalen Autovermieter als Controller. Dann bekam Gölz das Angebot, einen Rad-Online-Handel zu eröffnen. In seinem Radgeschäft kümmert er sich um alle kaufmännischen Aspekte, sein Partner Rolf Weggenmann betreut das operative Geschäft. Bei dem Online Shop ist er alleiniger Geschäftsführer.
Rennsporträder gibt es in Gölz´ Geschäft nicht zu kaufen. Die waren beliebt in den 70er Jahren: Rennräder mit Schutzblech und Gepäckträger. So einen “Halbrenner” bekam er vor seiner Kommunion vom Stief-Großvater, der selbst Rennfahrer war, geschenkt.

Erstes Rennen gewonnen

Damit hat er sein erstes Rennen bestritten. Der lokale Radsportverein suchte Talente: Drei Kilometer auf einem Feldweg von Bad Schussenried nach Otterswang und zurück. Auf der gleichen Strecke fährt er noch heute regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit (Jahrestrainingskilometer: 3000). Der Zwölfjährige durfte aber eigentlich gar nicht starten. Er war gerade gegen Pocken geimpft worden und von schweren körperlichen Anstrengungen wurde abgeraten. Gölz schlich sich zum Rennen und gewann. Der Radverein stellte ihm ein richtiges Rennrad und fortan trainierte er zweimal die Woche.
Die Erfolge stellten sich früh ein und kamen fast beiläufig- ein Charakteristikum seiner Karriere. Er fuhr als Junior im Straßenvierer, deshalb sollte er bei den Deutschen Bahn-Meisterschaften in der 4000 Meter Einerverfolgung starten. Er lieh sich ein Bahnrad, weil er selbst keines besaß, trainierte zweimal auf dem Oval und wurde 1980 Deutscher Meister der Amateure. Udo Hempel, sein Bahn-Rad Trainer von 1982 bis 1984, schwärmt noch heute von seinen begnadeten biomotorischen Fähigkeiten. Gölz sei absolut auf seinen Sport fokussiert gewesen, man habe ihn eher bremsen müssen. Nach einem dreistündigen intensiven Training habe man ihn regelmäßig mit sanftem Druck von der Bahn geholt. Sein Selbstvertrauen hinkte damals aber seinem Können hinterher. Es ging vor allem darum, ihm zu vergegenwärtigen, was er zu leisten im Stande war: „Seine Leidenschaft fürs Radfahren, kombiniert mit seiner Intelligenz machten seine Klasse aus“, sagt Hempel. Gölz gewann 1982 eine Silbermedaille bei der Bahnrad-WM in England, ein Jahr später Gold in der 4000 Meter Mannschaftverfolgung bei der WM in Zürich, bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles holt er Silber und Bronze auf der Bahn.

Ein Oberschwabe in Italien

Die Erfolge waren hervorragende Bewerbungsvoraussetzung für einen Profivertrag. Gölz hatte schon früh Kontakt zu Ernesto Colnago, auf einer Fahrrad-Messe in Köln kam der auf ihn zu, ob er nicht für das Profi Team Del Tongo-Colnago fahren wolle und so unterschrieb der Heimatverbundene bei den Italienern. Der sprachbegabte Oberschwabe war sofort integriert und konnte sich schnell auf Französisch, Englisch und Italienisch verständigen. Und wieder fuhr er sofort Resultate ein: Die Andalusien-Rundfahrt war sein erstes Profirennen, das er auch gewann, vor Miguel Indurain.
Giuseppe Saronni war der Spitzenfahrer seines Rennstalls, aber der 32-Jährige hatte seinen Zenit überschritten. Als Gölz realisierte, dass der etwas trainingsträge Italiener die Arbeit, die die Mannschaftskollegen für ihn leisteten nicht in Erfolge umsetzen konnte und wollte, fuhr er immer öfter auf eigene Rechnung. Im zweiten Profijahr habe sich Saronni gegen seine Giro-Nominierung ausgesprochen. Zwar hatte Gölz noch einen Vertrag, er sprach aber mit Ernesto Colnago und bat um Freigabe. Bis heute ist sein Verhältnis zu Saronni zerrüttet.
Die schnellen Erfolge im beinharten Profigeschäft erklärt Gölz damit, dass er in einer anderen Zeit Rad gefahren sei: Im Oktober habe man damals mit dem Radfahren aufgehört und erst kurz vor Weihnachten wieder langsam mit dem Sport begonnen. Relativ untrainiert seien die Profis dann zu den ersten Rennen gekommen. Gölz staunte nicht schlecht: Während der Andalusien-Rundfahrt im Februar seien die Rennfahrer 150 Kilometer auf dem kleinen Kettenblatt gefahren und lediglich die letzten 30 Kilometer vor dem Ziel begann das eigentliche Rennen. Der Wechsel zwischen Amateur und Profi ist dem im Winter immer fleißig trainierenden Gölz somit leicht gefallen. Nach dem Bruch mit dem Saronni-Team kam er 1987 zu Jan Raas´ Mannschaft Super Confex, nach drei Jahren fuhr er dann für Team Buckler-Colnago und 1991/92 war er bei Ariostea unter Vertrag. Dort fuhr er mit Moreno Argentin und Bjarne Riis. Nach acht Jahren Profiradsport war dann Schluss. Gölz hatte keine richtige Motivation mehr. Auch die Erwartungshaltung der Medien, Zuschauer und Arbeitgeber belasteten ihn. Der Druck, immer gewinnen zu müssen und die fehlende Wertschätzung von den Ergebnissen, wenn er „nur“ Zweiter wurde, hatten ihm die Freude am Fahrradfahren genommen.
Hartmut Bölts wollte ihn 1993 für den Mountainbike-Weltcup gewinnen. Da könne er doch ohne großen Aufwand mitfahren, meinte Bölts. So einfach sei das aber auch schon damals nicht gewesen. Ein Mountainbike-Rennen hat er zwar gewonnen, da ging es aber nur auf einem Schotterweg berghoch, den er halt mit einem Mountainbike anstatt mit dem Rennrad hochfuhr, technisch nicht besonders anspruchsvoll. Bei den Weltcup-Rennen sei er aber regelmäßig schon in der Qualifikation ausgeschieden, nicht zuletzt wegen der mörderischen Abfahrten. Nach einer solchen habe er im Tal so übersäuerte Beine gehabt, dass er berghoch auch nicht mehr schneller fahren konnte. Missen möchte er dieses Intermezzo aber nicht: „Der Zusammenhalt war toll.“

Tour de France Trophäen von Rolf Gölz

Rolf Gölz´ Sieg-Trophäen von der Tour de France 1987 und 1988. Er gewann die Etappe von Tarbes nach Blagnac und ein Jahr später den Abschnitt von Reims nach Nancy.

Auch heute noch blickt er gerne auf seine zwei Tour-Etappensiege zurück, auf die Meisterschaft von Zürich 1987 und ein Jahr später auf den Sieg im Fleche Wallonne. Vom Fahrertyp lagen dem Familienvater von zwei erwachsenen Söhnen einfach die klassischen Rennen. „Ich konnte kleinere Berge gut hochfahren, war sprintstark und kam immer gut durch den Winter, außerdem lagen mir die kühleren Temperaturen.“
Gölz ist Pragmatiker. Geld ist ihm wichtig, er möchte nicht jeden Euro zweimal umdrehen, der Vater war Beamter, im Hause Gölz wurde gespart. Als Jugendlicher ist er auch deswegen jeden Tag mit dem Rad zur Schule gefahren, weil er das gesparte Busgeld behalten durfte. Während der Tour de France 1989 hat er gesagt: „Tour Sieger werde ich nie, aber Millionär.“ Das sei ihm gelungen, zumindest in DM-Zeiten. Der 52-Jährige ist aber bodenständig geblieben und er protzt nicht. Er fährt ein zehn Jahre altes Auto und es ist kein Porsche. Er hätte während seiner Profi-Zeit mehr verdienen können. Er fuhr kaum gut dotierte Sechstage-Rennen und verzichtete alleine auf 500.000 Mark weil er 1992 seine Karriere vorzeitig beendete.

Doping

Gölz hat natürlich mitbekommen, dass auch zu seiner Zeit gedopt wurde. Es gab noch kein Epo, wohl aber Wachstumshormone, Anabolika, Amphetamine und Kortison. Es habe immer Fahrer gegeben, die mehr oder weniger genommen hätten. Es musste dann jeder selber beantworten, was er bereit war zu tun.
„Ich weiß aber auch, dass es möglich war an einem guten Tag ohne alles zu gewinnen: Das habe ich auch bewiesen.“ Das sei später in der Epo-Zeit nicht mehr möglich gewesen und deshalb möchte Rolf Gölz keinen Rennfahrer verurteilen, der da mitgemacht hat und er kann auch die Globalschelte gegenüber Armstrong nicht verstehen.
Er muss an die Tour de France 1987 denken, die letzte Austragung der Frankreich-Rundfahrt über 4000 Kilometer, einen seiner zwei Etappensiege holte er in diesem Jahr. Die letzten drei Tage waren alle Fahrer platt. 160 Kilometer wurde richtig langsam gefahren und wehe ein Fahrer hat sich nicht daran gehalten, erst die letzten 30 Kilometer ging es dann zur Sache. Man könne die Tour sauber fahren, dafür käme man halt etwas später an. Aber es läge eben auch in der menschlichen Natur, um jeden Preis gewinnen zu wollen. Gölz ist halt durch und durch Realist.

Seit 2013 verkauft Gölz und sein Geschäftspartner auf 600 Quadratmeter Fahrräder in Bad Waldsee.

Seit 2013 verkauft Gölz und sein Geschäftspartner auf 600 Quadratmetern Fahrräder in Bad Waldsee.

Der Abgehängte

Der Abgehängte

VON DIRK KUNZ

Heinrich Trumheller mit dem Deutschen Meistertrikot der Straßenfahrer aus dem Jahr 1992 vor seinem Lebensmittelgeschäft in Nürnberg. Foto: KUNZ

Heinrich Trumheller mit dem Deutschen Meistertrikot der Straßenfahrer aus dem Jahr 1992 vor seinem Lebensmittelgeschäft in Nürnberg.                                                                                                                                             Foto: KUNZ

NÜRNBERG Heinrich Trumheller, 42 Jahre, ehemaliger Profi-Radrennfahrer, spricht wenig und nimmt sich viel Zeit zwischen den Worten. Er redet leise und man hört auch nach über 20 Jahren in Deutschland, dass seine Muttersprache Russisch ist. Er erinnert sich an seine Anfänge als Sportler in der UdSSR. Er ging nicht ins Sport-Internat, wie so viele andere Talente. Sein Vater hat ihn zu Hause trainiert. Zu Hause, das war Naltschick, eine Großstadt im Nordkaukasus. Peter Trumheller wollte, dass sein Sohn eine ordentliche Ausbildung macht und regelmäßig die Schule besucht. In den Internaten zu Sowjet-Zeiten sei aber zu viel trainiert und zu wenig gelernt worden.
Nachmittags fuhr er dann mit seinem Vater regelmäßig zwei bis drei Stunden Rad. Montag und Donnerstag hatte er frei. 13.000 Kilometer als Elfjähriger, ein Jahr später schon gut 18.000 Kilometer und alles auf einem Rad mit Diamant-Rahmen aus DDR-Produktion: „Sehr groß, sehr schwer, aber viel besser als alles, was es in der UdSSR gab“, sagt Trumheller
Insgesamt sei in Russland härter trainiert worden, alles war professioneller organisiert und die Leistungsdichte der Fahrer sei beeindruckend gewesen.

Mit Vorsprung in den Westen

Und mit diesem Vorsprung kam er Mitte 1990 nach Deutschland. Sein Vater, selbst in der UdSSR erfolgreich in der russischen Nationalmannschaft gefahren, ist Wolga-Deutscher und zog mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen Harry und Heinrich nach Donaueschingen, weil die Familie dort Verwandte hatte. Freunde und Verwandte blieben zurück, das war für den älteren Bruder Heinrich schwierig, sportlich allerdings sei der Wechsel kein Problem gewesen. Trumheller gewann 1991 die Slowakei-Rundfahrt und auch das Traditionsrennen Köln-Schuld-Frechen. Ein Jahr später als Profi bei dem schweizer Helvetia-Team, belegte er bei der Tour de Suisse den sechsten Platz, nur 29 Sekunden hinter seinem großen Vorbild Greg LeMond, der damals Dritter wurde. Nur knapp verpasste er auf der siebten Etappe einen Sieg und musste sich in einem schweren Finale aufgrund eines taktischen Fehlers nur Sean Kelly geschlagen geben. Mit dieser bestechenden Form kam er zur Deutschen Meisterschaft am Sachsenring. Das Wetter war heiß, das kam ihm entgegen. So wurde er 1992 Deutscher Straßenmeister der Berufsradrennfahrer.

Frostige Franzosen

Als sein Team sich Ende des Jahres auflöste, hatte er die freie Wahl, es gab viele Angebote. Er ging zum französischen Castorama-Rennstall. Im Nachhinein wahrscheinlich nicht die richtige Entscheidung: „In Italien hätte ich mich wohl besser entwickeln können.“
Erst jetzt merkte er, was er verloren hatte: Das Helvetia Team sei taktisch und organisatorisch sehr gut aufgestellt und es war für ihn schon eine Art Ersatzfamilie.

Die Trainerlegende Paul Köchli, damals der sportliche Leiter von Helvetia, war stets darauf bedacht, den einzelnen Rennfahrer in eine Situation zu bringen, in der dieser sich optimal entfalten konnte und versuchte so, die natürliche Entwicklung des Fahrers zu optimieren. Bei Castorama fuhr jeder für sich, frostig sei das Klima bei den Franzosen gewesen. Das sei nicht zuletzt die Schuld von Cyrille Guimard, dem sportlichen Leiter, der diese egoistische Fahrweise auch noch forcierte und auf Trumheller oft gleichgültig und unmotiviert wirkte.
Nach zwei Jahren wechselte er 1995 zum Team Telekom und neben ihm verpflichtete der deutsche Rennstall auch noch Jan Ullrich, Amateurweltmeister von 1993. Der sei in seinem ersten Jahr genauso oft bei den Rennen abgehängt worden wie Trumheller selbst. Aber 1996 wurde Ullrich schon Zweiter bei der Tour de France und ein Jahr später gewinnt er überlegen das wichtigste und schwerste Radrennen der Welt, da fährt Trumheller schon im zweitklassigen Team Schauff – Öschelbronn.

Armstrong abgehängt und dann kamen die Aliens

Er hat 1989 bei der der Juniorenweltmeisterschaft in Moskau Lance Armstrong abgehängt, vier Jahre später wurde der Amerikaner Weltmeister der Elite-Fahrer in Oslo. Zum Ende von Trumhellers Karriere begann der Texaner die Frankreichrundfahrt siebenmal zu gewinnen. Ullrich und Armstrong, das seien schon große Talente gewesen, komplette Rennfahrer. Genau wie Trumheller!
„Ich habe noch ein oder zwei Jahre in der guten alten Zeit fahren können“, sagt er etwas wehmütig. Da wurden bei den Profis die ersten 80 Kilometer eines Rennens langsam gefahren und erst dann ging es los.

Was aber dann passierte, lässt ihn noch heute den Kopf schütteln. Er habe gesehen, wie die anderen Fahrer auf einmal fuhren. Wie Motorradfahrer seien die teilweise an ihm vorbei gefahren. Ganze Mannschaften seien gerast als kämen sie von einem anderen Planeten. Trumheller lacht leise, er lacht öfters, wenn er auf die unglaublichen Leistungsunterschiede zu sprechen kommt, es ist ein Lachen, das aus der Resignation gespeist wird. Es sei einfach völlig unmöglich gewesen, da mitzufahren. Ein guter Profi wolle er werden, so hat er es zu Beginn seiner Karriere formuliert. „Das ist mir nicht gelungen, gute Resultate habe ich nicht eingefahren“, sagt er heute selbstkritisch. „Meine größten Erfolge habe ich aber sauber errungen und ich bin lange Zeit nur mit Wasser und Brot gefahren.“
Er habe damals gewusst, wozu er in der Lage sei und dann seien unterdurchschnittliche Fahrer an ihm vorbei geflogen, die er früher nur am Start und beim Duschen gesehen habe oder große, schwere Fahrer hätten ihn am Berg stehen lassen, das sei deprimierend gewesen.
Als er seinem Vater damals die großen Leistungsunterschiede im Fahrerfeld mit Doping erklären wollte, habe der ihm nicht geglaubt „Du trainierst zu wenig!“, habe der gesagt, aber die Unterschiede seien so massiv gewesen, dass man so viel hätte trainieren können, wie man wollte.
In den Jahren 1998/99, am Ende seiner Laufbahn, habe er es dann selbst versucht. Er habe Epo ausprobiert, aber von einem medizinisch begleiteten strukturierten Doping wie bei anderen Fahrern sei er meilenweit entfernt gewesen, ihm hätten die Verbindungen gefehlt. Sein Vater habe ihn zur Fairness und Ehrlichkeit erzogen, aber er sei damals verzweifelt gewesen.
Mit 21 Jahren sah er wie sich sein Zimmerkollege eine Epo-Spritze gesetzt habe. Später tauchte ein anderer Teamkollege, ein Helfer eines mehrmaligen Tour de France Siegers, zum Frühstück und Mittagessen mit jeweils zehn Tabletten auf. Für den sei die öffentliche Einnahme von Dopingmitteln gar kein Problem gewesen.
Der verheiratete Familienvater Trumheller fährt heute nur noch sporadisch Rad, in seiner alten Heimat war er seit zehn Jahren nicht mehr. Gegen seinen Vater, der in diesem Herbst Zeitfahrweltmeister der Senioren über 70 Jahre geworden ist, hat er keine Chance. Er verkauft heute in Nürnberg in seinem Einzelhandelsgeschäft Delikatessen aus Osteuropa. Den Radsport verfolgt er kaum noch, zu seinen ehemaligen Radfahrkollegen hat er keinen Kontakt mehr.

 

NACHWORT

von DIRK KUNZ

DirkKunzHeinrich Trumheller ist schwer zu finden. Selbst in Zeiten des Internets. Es gibt einen Beitrag aus dem Jahr 2001 aus einer Deutsch-Russischen Zeitung, damals führte er noch ein Lebensmittelgeschäft in Nürnberg. Das Geschäft existiert so nicht mehr. Die jetzigen Geschäftsführer kennen den damaligen Marktleiter nicht. Ein paar Jahre später wechselte er zur Konkurrenz, wo er russische Schokolade, ukrainischen Gurken oder polnischen Vodka gegen osteuropäisches Heimweh verkaufte, so steht es in einem Artikel der Regionalzeitung. Aber sein damaliger Chef hat seit drei Jahren keinen Kontakt mehr zu Heinrich Trumheller. Es gibt im Nürnberger Telefonbuch einen (weiblichen) Eintrag mit diesem Nachnamen. Aber es geht niemand ans Telefon. Der Anschluss führt in einem Mehrfamilienhaus. Die anderen Familien kennen den Namen Trumheller nicht, wollen ihn nicht kennen oder legen einfach auf.
Der Vorsitzende eines örtlichen Radsportvereins ist sehr zuvorkommend und will sich in Nürnberg umhören: Die Radsport-Szene hier sei gut vernetzt, ich solle mich gegen Mitte der Woche noch einmal melden. Als ich einige Tage später zurückrufe, bedauert er: Nein, er könne mir auch nicht weiterhelfen, er habe mit einigen erfahrenen Vereinsmitgliedern gesprochen und ja, die kannten seinen Namen, aber mehr auch nicht. Es gebe in Nürnberg aber noch zwei weitere Radsportvereine, ich solle es doch da einmal probieren.
Der Pressesprecher des einen Vereins gibt mir die Nummer eines Besitzers eines Radsportgeschäftes, der beim Team Nürnberger sportlicher Leiter und Geschäftsführer war. Ja, der Heinrich, er sei einmal vor zwei Jahren eingeladen gewesen, zu einer Feier in seinem Lebensmittelgeschäft, aber er habe keine Handy-Nummer von ihm. Bei der Feier sei aber auch Dr. Albert Güßbacher, der ehemalige ärztliche Betreuer der Radnationalmannschaft der Amateure aus Nürnberg dabei gewesen. „Güssi“ wisse vielleicht eher, was Heinrich Trumheller gerade treibe.
Dr. Güßbacher kennt den Ex-Profi seit dieser in Nürnberg wohnt und Trumheller hatte ihn in sein Geschäft zum Schaschlick Essen eingeladen. Er gibt mir drei Handy-Nummern von Trumheller, zwei sind bereits an andere Mobilfunknutzer vergeben und die dritte Nummer existiere nicht. Albert Güßbacher beschreibt Trumheller als einen sehr stillen, zurückhaltenden und bescheidenen Sportler. So ein Mensch habe es schwer sich durchzusetzen.
Er gibt mir auch noch eine Adresse, dort sei er damals zum Essen eingeladen gewesen, aber in der Wettersteinstraße mit dieser Hausnummer ist im Netz kein Geschäft verzeichnet. Ein Anruf in einer Metzgerei, die sich ebenfalls in dieser Straße und Hausnummer befindet, bringt nicht weiter. Nein, sie wüssten nichts von einem anderen Geschäft. Auf E-Bay schließlich werde ich fündig. Da verkauft jemand mit einem anderen Vor- und einem ähnlich klingenden Nachnamen Fahrräder, die Interessenten sich an jener Adresse in der besagten Straße anschauen können. Ich melde mich bei E-Bay an und komme so an die Handy-Nummer des Verkäufers. Ja, Heinrich Trumheller sei sein Bruder, er könne mir die Handy-Nummer geben. Der schüchterne ehemalige Radsportler sagt einem Interview-Termin zu, ist offen, aber doch irgendwie reserviert. Auch die Kontakt-Aufnahme nach dem Interview, um noch einige Punkte zu klären, gestaltete sich langwierig und schwierig. Wahrscheinlich redet Trumheller einfach nicht so gerne.

 

 

Left behind

Left behind

BY DIRK KUNZ

Heinrich Trumheller mit dem Deutschen Meistertrikot der Straßenfahrer aus dem Jahr 1992 vor seinem Lebensmittelgeschäft in Nürnberg. Foto: KUNZ

Heinrich Trumheller with the jersey of the German National Road Race Championship from 1992 in front of his grocery store in Nuremberg /Germany.                                                                                                                        Photo: KUNZ

BY DIRK KUNZ

NUREMBERG ■ Heinrich Trumheller, 42 years old, former professional road cyclist, speaks little and takes a lot of time between the words. He speaks quietly and even after 20 years in Germany you realize that Russian is his first language. He remembers his beginnings as an athlete in the Sovjetunion. He didn’t attend a residential school like so many physically gifted children. His father trained him at home. Home, that was Nalchik, today´s capital city of the Kabardino-Balkar Republic, Russia. Peter Trumheller wanted his son to become a proper apprentice and to attend school regularly. In the residential sport schools of the old days, he says, that they trained too much and learned to little.
In the afternoon after school Heinrich Trumheller rode his bicycle with his father for two or three hours almost every day. On Mondays and Thursdays he took the day off. 8.000 miles at the age of eleven, one year later approximately 11.000 miles, and everything on a bike with a “Diamant” frame from GDR-Production. “Very large, very heavy, but much better than anything that you could buy in the Soviet Union”, says Trumheller.
Altogether he says that in the Soviet Union they trained harder, everything was more professionally organized and the enormous numbers of high performance riders were impressive.

Fast results

With this advance he came to Germany in the midyear 1990. His father was a successful bicycle rider in the Sovjetunion and drove in the CCCP-National Team. He belongs to the ethnic group of the so called Volga Germans and he moves with his wife and his two sons Heinrich and Harry to Donaueschingen/Germany, because some of their relatives lived there already.
Friends and other relatives were left behind, that was difficult for the older brother Heinrich, but regarded from the sportman’s point of view the change was no problem.
In 1991 Trumheller won the Tour of Slovakia and also the traditional German race “Cologne-Schuld-Frechen”. One year later as a rider for the Swiss professional cycling team “Helvetia” he reached the 6th place at the Tour de Suisse overall standing, only 29 seconds behind Greg LeMond, his big role model, who ended up in third place. At the 7th stage of the Tour, in a very hard final and because of a tactical mistake, he was beaten by Sean Kelly and came in second. In this impressive shape he came to the German bicycle championship to the “Sachenring”, a racing circuit located near Chemnitz, Saxony. The weather was hot, Trumheller liked that. So he became the German National Road Race Champion in 1992.
As his Helvetia Team dissolved at the end of the year, he had free choice and a lot of job offers from other teams. He went to the French “Castorama”-Team. Retrospectively probably not the best choice.
“Probably I could have better developed my abilities better in Italy”, says Trumheller. Now he realised what he had lost with the old team. He says that the Helvetia Team was very well organized with a smart tactic during the races, maybe a kind of surrogate family for Heinrich Trumheller.

Frosty frenchmen

The trainer legend Paul Köchli, the sporting director of Helvetia always made sure that each rider could find himself in a situation in which e can develop best and tried to improve the natural development of the athlete. At “Castorama” in contrast, every member drove selfishly only for his own benefit, it was a frosty climate in the French team. Trumheller says, that Cyrille Guimard, the directeur sportif was to blame because he even enforced selfish riding. To Trumheller Guimard appeared indifferent and unmotivated.
After two years, in 1995, he joined to the German Team Telekom and besides him the Team contracted Jan Ullrich, Cycling World Amateur Road Champion from 1993. Trumheller says in that year Ullrich was outdistanced in the races as often as him.
But in 1996 Ullrich finished second at the Tour de France and one year later, he won the most important and toughest bicycle race in the world superiorly. At that time, Trumheller already rides in the second class Team “Schauff-Öschelbronn”.
In 1989, at the Junior World Road Championship in Moscow, he outdistanced Lance Armstrong, four years later the US-American became UCI Road World Champion in Oslo, Norway. At the end of Trumhellers career the Texan started to win the Tour de France seven times in a row. Trumheller says Ullrich and Armstrong were great talents, so was Trumheller.
“After that I rode one or two years in the good old times”, he said slightly melancholy. In the professional races the first 50 miles were ridden slowly and only then the race went off.

Aliens on bikes

But what happened then, it makes him shake his head in disbelief even today. He says he was astonished how the other athletes rode all of a sudden. They passed him like motorcyclists, he says, whole teams speeded as if they would come from another planet. Trumheller laughs quietly. He often laughs during the conversation, when he talks about the incredible performance difference between the riders. It is a laughter which is fed by resignation.
It was simply completely impossible to hold their pace. He wanted to become a good cycling professional, that´s what he says at the beginning of his career in 1992. “I haven´t succeeded. I didn’t have good results”, he said today self-critically. “I achieved my biggest victories clean and a long time I rode only with bread and water (undoped).”
He knew which performances he was capable of, and then below-average riders flew past him, who in former times he had only seen at the start of a race and after it in the shower. Huge and heavy riders passed him when climbing the mountain, that was very depressing, he says.
As he tried to explain to his father that the huge performance differences in the rider’s field had to do with doping, he didn´t believe his son: “You don’t exercise hard enough”, his father said, but the differences were so massive, that you could exercise as much as you wanted, without any effect.
In the years 1998/1999, at the end of his career, he tried doping himself. He says, he took EPO, but it was miles away from a medicated doping that the other riders did, he didn’t have the connections. His father taught him fairplay and honesty, but he was desperate.
With 21 years he saw a team-mate giving himself an EPO-shot. Later another team-mate, an assistant of a former Tour de France winner, appeared at breakfast and lunch each time with ten pills. For this rider the daily intake in public was not a big problem.
Nowadays, Trumheller, the married head of a family, rides his bike only occasionally. For ten years he hasn’t been back to his Russian homeland. He doesn’t stand a chance beating his father on bike, who became this fall men´s time trial world champion for the athletes over 70 years. Today, he sells delicacies from Eastern Europe in his grocery store in Nuremberg/Germany. He hardly watches bicycle races on TV, to his former colleagues he has no contact anymore.

 

EPILOG

BY DIRK KUNZ

DirkKunzHeinrich Trumheller was difficult to find. Even in the brave new world of the internet. There is an article from 2001 in a German-Russian newspaper. Back then he ran a grocery store in Nuremberg. His store doesn’t exist anymore. There is still a store under this address, but the recent manager doesn’t know Trumheller.
A few years ago he changed to a rival store, where he sold “Russian chocolate, Ukrainian cucumber and polish vodka against east European homesickness”, that is written in an article of the local newspaper. His former boss hasn’t had any contact to him for three years. There is one entry of this family name (with a female first name) in the phone book of Nuremberg. But no one picks up the phone. The number leads to an apartment building in a Nuremberg suburb. The other residents don’t know the name, don’t want to know or hang up the phone.
The chairman of a local bike club is very polite and he wants to ask around in Nuremberg: The bicycle scene is very well connected, he said. I should call him again in the middle of the week. So I call him back a few days later. He regrets: No, he couldn’t help me, he talked to some bike veterans and yes, they knew the name, but not more. But there were two other bicycle clubs in the city. I should try it there.
The press spokesman of another club gives me the phone number of a bicycle shop owner, who was sporting and executive director of the professional bike team “Team Nuremberger”. Yes, he knew Heinrich. Two years ago he was invited to a party at Trumheller´s grocery store, unfortunately he hadn’t his cell phone number. But to this party Dr. Albert Guessbacher was also invited. Guessbacher was the former medical supervisor of the German National Bicycle Team for Amateurs. “Guessi” might know, what Heinrich Trumheller is doing now.
Dr. Guessbacher has known Heinrich Trumheller since he lives in Nuremberg. A few years ago Trumheller invited him to his store to eat shashlik. The doctor gives me three cell phone numbers of Trumheller, two of them are already given to other cell phone costumers, who have no relation to Trumheller whatsoever, the third number doesn’t exist. Dr. Guessbacher describes Trumheller as a very silent, shy and humble athlete. It is difficult to gain acceptance in the cycling business for such a person, he said.
Guessbacher gives me the address of the store, where he was invited for dinner, but in this street with this street number there is no store recorded on the internet. A phone call at a butcher’s shop with the same street number doesn’t help. No, the butchery shop assistant knows nothing about a grocery store with this address.
On eBay I found something. Someone with a different first and a similar looking family name is selling bicycles in the Nuremberg area. The costumers, which want to buy a bike, are requested to look at the bikes at this implied address. I register on eBay and get the cell phone number of the seller. Yes, Heinrich Trumheller was his brother, the person on the phone told me, and that he could give me his cell phone number. The shy former professional cyclist Heinrich Trumheller affirms an appointment. In the Interview he is honest and open but also reserved. After the interview, I sent Trumheller some further questions. Staying in contact with the former bicycle rider is still difficult. Maybe he doesn´t like to talk so much.

 

 

 

Ein Gerichtsurteil jenseits des pädagogischen Alltags

Ein Gerichtsurteil jenseits des pädagogischen Alltags

ADD Trier

Die ADD ist die zentrale Verwaltungsbehörde des Landes Rheinland-Pfalz mit vielen Verwaltungsaufgaben. Foto: KUNZ

VON DIRK KUNZ

Auf einer Kursfahrt nach Schweden vor zwei Jahren werden einer Lehrerin aus dem rheinland-pfälzischen Ingelheim am ersten Tag etwas über 1000 Euro aus einem Portemonnaie in ihrem verschlossenen Rucksack gestohlen. Das Geld ist für Eintrittskarten und Stadtführungen bestimmt. Ihr Arbeitgeber, die ADD in Trier als zentrale Verwaltungsbehörde des Landes Rheinland-Pfalz, will für den Schaden nicht aufkommen. Deren Argumentation: Sie hätte doch per EC-Karte zahlen können.
Das Verwaltungsgericht in Mainz attestierte der Deutschlehrerin vor über einem Jahr grobe Fahrlässigkeit. Weil sie einen Teil des Geldes, das ihr gestohlen wurde, an einem öffentlichen Ort eingesammelt habe, hätte die Pädagogin dieses in besonderer Weise schützen und für eine sichere Aufbewahrung sorgen müssen.
Für die etwa 44.000 Lehrerinnen und Lehrer in Rheinland-Pfalz heißt das: Sie haben schlechte Karten, wenn Ihnen auf Klassenfahrten Schülergelder entwendet werden. Die Juristen scheinen bei der Urteilsfindung wenig auf die Lebenswirklichkeit der Lehrerinnen und Lehrer Rücksicht genommen zu haben.

Frau Berger-Saalfeld (Name geändert), Sie waren jetzt kurz vor den Sommerferien auf Klassenfahrt. Eigentlich wollten Sie keine mehr machen!?
Frau Berger-Saalfeld: Nach der letzten Klassenfahrt vor zwei Jahren habe ich mir fest vorgenommen, an keiner mehr teilzunehmen, weil das Risiko natürlich immer „mitfährt“.
Aber man gerät auch in eine gewisse Drucksituation. In bestimmten Klassenstufen stehen nun mal Klassen- oder Kursfahrten an, das ist auch teilweise Bestandteil des Schulprofils. Diesmal waren wir in Hamburg. Auf der anderen Seite würde ich mir selbst keinen Gefallen tun, weil ich diese Fahrten immer gerne organisiert habe und diese Fahrten für die Schüler ein wichtiger Bestandteil sind. Ich mache seit 20 Jahren Klassenfahrten, wir hatten immer tolle Kursfahrten und eigentlich ist nie etwas passiert.

Bis auf den Diebstahl von über 1000 Euro Schülergeldern aus Ihrem Rucksack in Stockholm vor zwei Jahren. Können Sie sich noch daran erinnern, was in Ihnen vorging, als sie merkten: Das Portemonnaie ist weg!?
Frau Berger-Saalfeld: Ich war schockiert und entsetzt. Wir haben alles abgesucht. Ich wusste aber auch, ich habe das Portemonnaie nicht verloren, es muss gestohlen worden sein. Alle Reißverschlüsse meines Rucksackes waren weit geöffnet.

Ihr Arbeitgeber, das Land Rheinland-Pfalz, wollte Ihnen das Geld nicht ersetzen. Er argumentierte, dass es nicht notwendig gewesen sei, so viel Geld dabei zu haben, Sie hätten mit EC-Karte zahlen sollen.
Frau Berger-Saalfeld: Das geht ja gar nicht, das ist völlig unrealistisch. Bei einer Stadtführung sind oft keine Kartenlesegeräte vorhanden. Wir wollten zum Beispiel Eintrittskarten kaufen, es war der erste Tag der Klassenfahrt, so lang es irgendwie ging hatte ich das Geld auf der Bank. Ich war mir der Gefahr des vielen Bargeldes sehr wohl bewusst, deshalb habe ich es auch schnell ausgeben wollen.

Klassenfahrten bedeuten für den Lehrer Dauerstress, Überstunden, die nicht bezahlt werden, bescheidene Unterkünfte, die man privat vielleicht nicht buchen würde und dann stellt sich der Arbeitgeber hin und sagt: Wir kommen für Ihren Schaden nicht auf. Wie ging es Ihnen damals?
Frau Berger-Saalfeld: Ich fühlte mich im Stich gelassen. Ich sehe die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers gegenüber seinen Beschäftigten verletzt. Ich hatte sofort meinen damaligen Schulleiter informiert. Der hat bei der ADD angerufen. Schon damals fielen die Worte „grobe Fahrlässigkeit“. Daraufhin wollte ich die Fahrt abbrechen, woraufhin die ADD darauf hinwies, dass ich eventuell von den Eltern in Regress genommen werden könnte, da ja der Flug und das Hotel bereits bezahlt worden seien. Also entschloss ich mich, das Geld auszulegen und den Schülern auch nichts zu sagen. Die Kinder hatten eine gute Zeit und ich war mir damals auch noch sicher, das Geld zurückzubekommen. Es war eine Dienstreise, der Arbeitgeber ist versichert und so ein Diebstahl kann passieren.

Menschen mit pädagogischer Erfahrung wissen, dass Ihr Verhalten, nämlich als Lehrer große Mengen an Bargeld dabei zu haben, völlig üblich ist und von einem überwiegenden Teil Ihrer Kollegen genauso gehandhabt wird. Warum wollte die ADD Ihrer Meinung nach nicht zahlen?
Frau Berger-Saalfeld: Die fürchteten einen Präzedenzfall. Es hat sich auch im Nachhinein niemand mehr gemeldet, weder von der ADD noch von der Schulleitung.

Wie haben Sie die Gerichtsverhandlung wahrgenommen?
Frau Berger-Saalfeld: Ich war nicht einmal geladen. Durch Zufall hatte ich Freistunden, deshalb war ich überhaupt vor Ort. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass dies auf eine Abweisung meiner Schadensersatzklage gegen das Land hinauslief.

Das Gericht sagt, dass die Schüler doch das Geld selbst hätten verwalten können. Was sagen Sie dazu?
Frau Berger-Saalfeld: Das ist realitätsfremd! Ich hatte während der Verhandlung das Gefühl, dass die Richter keine Ahnung von der Lebenswirklichkeit eines Lehrers hatten.

Die Juristen führten weiter aus: Mit dem öffentlichen Einsammeln hätten Sie die Diebe geradezu eingeladen!
Frau Berger-Saalfeld: Wir hatten ein begrenztes Budget. Die Schüler wollten spontan unbedingt noch eine geführte Stadtrundfahrt machen. Die lag über unserem Budget, also mussten wir das Geld noch einsammeln, um die bezahlen zu können. Wir haben das dann den Schülern erklärt und sofort haben die ihr Portemonnaie gezückt und uns das Geld gegeben, das war so gar nicht geplant. Nur dann haben wir es eben auch genommen und das haben mir die Richter vorgeworfen.
Außerdem glaube ich, dass man hier Täter und Opfer verwechselt. Ich wurde bestohlen, ich war das Opfer und ich habe keinen Dieb genötigt, mich auszurauben.

Wie haben sie jetzt bei Ihrer Fahrt nach Hamburg das Geld transportiert?
Frau Berger-Saalfeld: Ich war diesmal nur Begleitlehrerin mit weniger Verantwortung, aber einer Schülerin wurde das Portemonnaie mit 200 Euro aus der Handtasche gestohlen.

Wie haben Ihre Kollegen damals vor zwei Jahren reagiert?
Frau Berger-Saalfeld: Das Kollegium war gespalten, ein Teil war auf meiner Seite, es gab aber auch die Tendenz des anderen Teils, die Hauptschuld bei mir und meinem Verhalten zu sehen.

Warum haben sie das Urteil akzeptiert und nicht Berufung eingelegt?
Frau Berger-Saalfeld: Das hat mir mein Anwalt auch geraten und ich habe auch lange überlegt, aber ich hatte darauf keine Lust. Das Urteil ging durch die Medien, das wollte ich nicht mehr. Alles steht und fällt meiner Ansicht nach mit dem Begriff der groben Fahrlässigkeit. Wenn sich ein großer Teil des alltäglichen Verhaltens eines Menschen unter juristischen Gesichtspunkten vermeintlich als grob fahrlässig herausstellt und damit einen Haftungsausschluss nach sich zieht, hat der Begriff für mich seine eigentliche Bedeutung verloren. Wenn ich zum Beispiel Schülergeld in einem Restaurant am Tisch liegen lasse und auf Toilette gehe, mag das grob fahrlässig sein, aber ein Portemonnaie in einem mit einem verdeckten Reißverschluss verschlossenen Rucksack am Körper zu tragen, kann niemals grob fahrlässig sein.

Letztlich sind auf dem Schaden sitzen geblieben?
Frau Berger-Saalfeld: Einige meiner Kollegen haben für mich gesammelt, außerdem war die Fahrt nach Stockholm doch etwas günstiger als geplant, so dass die Eltern auf eine Rücküberweisung verzichtet haben. Die Gerichtskosten hat zum Glück meine Rechtsschutzversicherung übernommen, aber etwa 400 Euro musste ich dann noch aus eigener Tasche bezahlen.

Zur falschen Zeit am falschen Ort?

Pressesprecherin der ADD. Foto: ADD

Eveline Dziendziol, Pessesprecherin der ADD.                                          Foto: ADD

Frau Dziendziol, kommen solche Diebstahlfälle auf Klassenfahrten eigentlich öfter vor?
Dziendziol: Nein, aber es kann durchaus passieren. Man muss im Blick haben, dass 44.000 Lehrerinnen und Lehrer an 1200 Schulen in Rheinland-Pfalz tätig und auch logischerweise mit viel Geld unterwegs sind. Es können immer Dinge passieren, mit denen man nicht rechnet.

Die Lehrerin fühlt sich von Ihrem Arbeitgeber alleine gelassen. Können Sie das nachvollziehen?
Dziendziol: Persönlich ja, es ist bedauerlich, dass sie den finanziellen Verlust tragen muss. Wir können aber nur im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten reagieren. Die Einzelfallprüfung hat ergeben, dass man der Lehrerin grobe Fahrlässigkeit vorwerfen muss. Unsere Einschätzung wurde vom Gericht ja auch bestätigt.

Die betroffene Deutschlehrerin kritisiert, dass sich am Ende keiner bei Ihr gemeldet hat.
Dziendziol: Das kommt natürlich stark auf die Persönlichkeit des jeweiligen Kollegen an. Ich könnte mir vorstellen, dass es einige auch als Hohn empfänden, wenn die Schadensregulierungsstelle der ADD nach einem Prozess noch den persönlichen Kontakt suchen würde.

Haben Sie nicht eher einen Präzedenzfall gefürchtet, falls Sie gezahlt hätten, wenn auch nur aus einer Art von Kulanz heraus?
Dziendziol: So etwas wie Kulanz können wir nur gewähren, wenn es das Gesetz vorsieht. Hier war das nicht der Fall und gesetzliche Vorgaben, auch wenn sie kleinlich erscheinen, gelten für alle gleich.

Bei einem Diebstahl einer Geldbörse aus einem verschlossenen Rucksack fällt es mir schwer, das mit grober Fahrlässigkeit in Verbindung zu bringen!?
Dziendziol: Wenn auf einem öffentlichen Platz in einer europäischen Hauptstadt mit viel Geld hantiert wird, kann so ein Diebstahl immer passieren. Vielleicht war die Klasse nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Selbst wenn wir gewollt hätten, konnten wir unserer Mitarbeiterin nicht entgegenkommen.

Wenn ein solcher Diebstahl immer passieren kann, dann läuft das der Definition von grober Fahrlässigkeit doch zuwider, weil bei der groben Fahrlässigkeit eine besonders schwere Verletzung der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt vorhanden sein muss!?
Dziendziol: Ich war nicht dabei. Letztlich kann immer überall alles passieren, aber in einer Hauptstadt mit diesen Summen offen umzugehen und später bestohlen zu werden bedeutet ja, dass man einen Dieb auf sich aufmerksam gemacht hat. Es gab eine Einzelfallbeurteilung, das Gericht hat unsere Sicht bestätigt.

Sie sagen, die ADD kann nicht einfach so den entstandenen Schaden von etwa 1100 Euro übernehmen und argumentieren auch mit dem sorgsamen Umgang von Steuergeldern. Auf der anderen Seite werden Millionen von Steuergeldern am Nürburgring oder am Flughafen Zweibrücken verschwendet.
Dziendziol: Wir sind Verwaltung, wir gestalten oder agieren nicht. Verwaltung kann nur im Rahmen der Gesetze arbeiten. Beim Nürburgring ging es zum Beispiel um politische Gestaltung. Das sind zwei unterschiedliche Dinge, die für Außenstehende vielleicht zusammen gesehen werden.

Wieso hat die ADD bei vielen ihrer Lehrer nicht den besten Ruf?
Dziendziol: Es gibt sicherlich gerade bei so vielen Lehrern, die wir beschäftigen, einige Einzelschicksale, die mit ihrer Situation nicht zufrieden sind oder einen ganz subjektiven Blick auf Vieles haben und dieses entsprechend auch äußern. Wo viele Menschen beschäftigt sind, gibt es immer bestimmte Probleme, da existieren immer auch viele Meinungen, das hat nichts spezifisch mit der ADD zu tun, das gibt es auch in der Privatwirtschaft. Wir zwingen niemanden bei uns zu arbeiten. Es steht jedem frei zu kündigen, einen neuen Job zu suchen oder das Bundesland zu wechseln.

Eveline Dziendziol ist Pressesprecherin bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier.

 

Das Land muss sich seiner Verantwortung stellen

Sabine Weiland von der GEW. Foto: GEW-Rheinland-Pfalz

Sabine Weiland von der GEW.                                Foto: GEW-Rheinland-Pfalz

Sabine Weiland, stellvertretende Landesvorsitzende der GEW Rheinland-Pfalz, weist auf die positiven Auswirkungen von Klassenfahrten für die Schülerinnen und Schüler hin. Sie stärkten den Klassenzusammenhalt und förderten das soziale Leben fernab der Schule. Für die Lehrer sei so eine Fahrt allerdings eine stressige und verantwortungsvolle Aufgabe und es sei nur allzu menschlich, dass man in solchen Drucksituationen natürlich auch Fehler mache. Bedauerlich sei es, dass man nach einem solchen Fehler anscheinend alleine dastehe und man vom Land nicht ausreichend unterstützt werde.
Eine Versicherung des Landes, die in diesen Fällen einspringen und den Schaden regulieren könnte, gebe es schlicht nicht. „Wir fordern, dass das Land als Arbeitgeber sich seiner Verantwortung stellt und Lehrkräfte, die eine Klassenfahrt unternehmen, im Hinblick auf Schadensfälle unterstützt“, sagte Weiland.