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CHOREA HUNTINGTON

TODESTANZ

VON DIRK KUNZ

Eine heimtückische Erbkrankheit hat fast die ganze Familie von Ursula S. ausgemerzt. Weil die Schwiegermutter nicht auf Enkelkinder verzichten wollte verschwieg sie offenbar den Gendefekt in der Familie ihres Mannes. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent geben die Patienten die Krankheit an ihre Kinder weiter.

Der Schwiegervater Arnold S. bringt die heimtückische Krankheit in die Familie. Als sehr leicht erregbar, teilweise aggressiv, aufbrausend und rastlos, beschreibt ein Verwandter ihn. Einen Namen kann man den Symptomen seiner Erkrankung noch nicht zuordnen, als posttraumatische Belastungsstörung, die er aus dem Zweiten Weltkrieg mit nach Hause brachte, hat man die Auswirkung seiner Krankheit gedeutet. Und tatsächlich litten traumatisierte Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg nach Kampfeinsätzen lange Zeit später unter unkontrolliertem Zittern und Konzentrationsschwierigkeiten. Parkinson denkt man bei ihm zuerst. Als Ursula S. ihren Mann kennenlernt und ihn zu Hause besucht, versteckt man den schon erkrankten Arnold S., der während des Zweiten Weltkrieges vom Ruhrgebiet in das 140-Seelen-Dorf nach Mittelhessen gekommen ist. Sie erinnert sich, wie freundlich die zukünftigen Schwiegereltern damals waren. Im Nachhinein kam es ihr merkwürdig vor. Es war die vermögendste Familie im Ort, ihre eigene Familie bezeichnet Ursula S. damals als arme Leute. „Hier sind schon so lange keine Kinder mehr im Haus gewesen, wir freuen uns schon drauf“, sagt die Schwiegermutter und als im ersten Jahr nicht sofort ein Enkel kommt, macht ihr die Großmutter schon Vorwürfe: „Du wirst es uns doch nicht antun, dass Du kinderlos bleibst!?“

Eines Tages ruft die Schwiegermutter sie an ihrer Arbeitsstelle an. Sie soll sofort nach Hause kommen, Arnold S. würde nicht mehr wach werden. Sie eilt zu ihr, der Schwiegervater ist schon vom Notarztwagen abgeholt worden. Im Krankenhaus wird ihm der Magen ausgespült. Aus Verzweiflung über seine fortschreitende Krankheit habe er eine Überdosis Schlaftabletten genommen. Als er wieder aufwacht sagt er: Hättet ihr mich doch gehen lassen.“ Der Suizidversuch wird verschwiegen, es soll kein Gerede im Dorf geben. Anfang der 60er Jahre fährt Ursulas Schwiegermutter mit ihrem erkrankten Mann, Arnold S,. nach Tübingen zu einem Professor. Was sie dazu bewegt oder wie sie an die Adresse kommt, lässt sich heute nicht mehr in Erfahrung bringen. Der Arzt diagnostiziert damals die unheilbare Erkrankung des Gehirns anhand der klinischen Symptome anscheinend zum ersten Mal. Sie behält die Diagnose für sich. Sagt nichts zu ihrem Sohn oder seiner Frau. Auch nicht als sie erfährt, dass die zum ersten Mal schwanger ist. 1967 kommt ihre Tochter Carmen, ein Jahr darauf ihr Sohn Thorsten zur Welt. Später besucht sie mit ihrer Schwiegertochter jeden Samstag Arnold S. in einer psychiatrischen Klinik. 1974 stirbt der im Alter von nur 59 Jahren, davor ist er zehn Jahre akut erkrankt. Erst als die Schwiegermutter 1990 stirbt, findet Ursula S. Unterlagen, auf denen der Krankheitsbefund von Arnold S. verzeichnet ist: Chorea Huntington.

Sechs Jahre nach dem Tod seines Vaters, kurz nach der Beförderung zum Amtmann Anfang der 80er Jahre sagt ihr Mann Hans-Werner plötzlich zu ihr, dass er mit der Fülle und Komplexität seiner beruflichen Aufgaben nicht mehr zurechtkommt. Zwei Jahre ist er zunächst krankgeschrieben und kein Arzt weiß, was ihm wirklich fehlt. Ein Professor einer Universitätsklinik konfrontiert ihn schließlich mit der Diagnose. Wieder zu Hause bei seiner Frau, sagt der damals 39-Jährige: „Ich habe die Krankheit meines Vaters!Über die Endgültigkeit und Finalität dieser unheilbar fortschreitenden und unweigerlich zum Tode führenden Krankheit sind sich beide nicht im Klaren: „Wenn es so bleibt wie es jetzt ist, können wir damit leben“, sagen sie sich. Es bleibt aber nicht so. Seine Frau pflegt ihn weitgehend alleine. Er kann sich nicht mehr rasieren, sie putzt ihm die Zähne und ihr Mann weiß eines Tages nicht mehr, dass man das Wasser im Mund ausspült. Er hat Halluzinationen, sieht Dinge, die nicht vorhanden sind, trotzdem geht seine Frau noch jeden Tag mit ihm spazieren. Erst ganz zum Schluss kommt er schließlich in eine Pflegeeinrichtung. Wie viele Erkrankte wird er zum Ende seiner Leidensgeschichte bettlägerig und stirbt schließlich an den Folgen einer Atemwegsinfektion in den Armen seiner Frau.

Thorsten S. während seiner Bankkaufmannslehre. Foto: Privat

Thorsten S. während seiner Bankkaufmannslehre.                                                                                            Foto: Privat

Der gemeinsame Sohn Thorsten ist zu der Zeit 23 Jahre alt und sagt: „So möchte ich nicht sterben.“ Das tut er auch nicht: Er stirbt langsamer und qualvoller. Er hat seine Lehre als Bankkaufmann bestanden, danach leistet er seinen Wehrdienst ab. Bei der Waffenreinigung braucht er die dreifache Zeit seiner Kameraden, seine Vorgesetzten –so sagt es seine Mutter– sehen darin eine Provokation und sanktionierten ihn mit Disziplinararrest. Thorsten beginnt sich mit Alkohol zu betäuben, so als wüsste er, welches Schicksal ihm noch bevorsteht. Weitere neurologische Symptome treten auf: Sein Gang ist schwankend, die Hände zittern – nicht nur, wenn er wieder zu viel Alkohol trinkt. In seiner ersten eigenen Wohnung vergisst er, die Herdplatten abzuschalten, irgendwann ruft er seine Mutter an, er könne nicht mehr alleine wohnen. Er will sich von einer 50 Meter hohen Autobahnbrücke stürzen, er ist schon oben, kann aber nicht springen und wird schließlich in eine psychiatrische Klinik aufgenommen. Oft flieht er aus der psychiatrischen Anstalt, startet seine Alkoholtouren und kehrt danach wieder ins Krankenhaus zurück. Darauf angesprochen sagt er zu seiner Mutter: „Ich will Freunde treffen, lange werde ich das nicht mehr können.“
Über die Krankheit haben sich Mutter und Sohn nicht mehr unterhalten, er sei zu solchen Gesprächen
–auch aufgrund seiner Alkoholerkrankung nicht mehr in der Lage gewesen, eine Patientenverfügung hatte er nicht hinterlassen. Zehn Jahre lang liegt er als Schwerstpflegefall im Bett, ihm muss der große Zeh aufgrund von Durchblutungsstörungen abgenommen werden. An seinem 43. Geburtstag im Jahr 2011 besucht die Mutter ihren Sohn im Krankenhaus und sagt, dass ihm die flüssige Nahrung, die mittels Magensonde zugeführt wird, aus dem Mund läuft. Sie ruft die Betreuerin an und am nächsten Tag wird er ins Sterbehospiz verlegt, die Magensonde wird entfernt, die lebensverlängernden Maßnahmen eingestellt. Dort besucht die Mutter ihren Sohn, streichelt ihn und erzählt Geschichten vom Himmel, wo er seinen Vater und seine Schwester wieder sehen werde. Knapp drei Wochen später stirbt er.

Thorstens Schwester Carmen erkrankt zwölf Jahre nach ihm akut und stirbt fünf Jahre vor ihm. Ihr erstes Kind kommt 1995 zur Welt und eine Fruchtwasseruntersuchung verschafft Gewissheit: Das Kind ist gesund. Während der zweiten Schwangerschaft mit ihrem zweiten Mann im Jahr 2004 sind schon die unkontrollierten Bewegungen íhrer Arme zu sehen. Die Mutter rät von der Schwangerschaft ab. Doch ihre Tochter ist uneinsichtig, sie will sich auf keine Diskussion einlassen. Sobald in einem Gespräch die Krankheit auch nur erwähnt wird, entzieht sie sich und ist ungehalten. Sie möchte das ungeborene Kind nicht testen lassen, sie will das alleine entscheiden, ihren Mann bezieht sie in die Entscheidung nicht ein. Die Hormone, die bei der Schwangerschaft freigesetzt wurden, hätten den Verlauf der Krankheit intensiviert, sagt die Mutter Ursula. Carmen stirbt als Pflegefall nur zwei Jahre nach der Geburt ihres zweiten Kindes an den Folgen einer Lungenembolie, weil sie zu wenig Flüssigkeit zu sich nahm. Die Mutter findet im Nachlass ihrer Tochter viele handschriftliche Notizen, mit denen die Kranke ihren Tag organisieren wollte: Spülmaschine ausräumen, Ehemann anrufen, Wohnzimmer saugen, Spazieren gehen. Ihr zweites, ungetestetes Kind ist heute elf Jahre alt. Es habe den Gendefekt vermutlich nicht, macht sich die Großmutter Ursula S. Mut: „Man sieht ihm nichts an!”

Thorsten S. lag zehn Jahre als Schwerstpflegefall im Krankenhaus. Foto: Privat

Thorsten S. lag zehn Jahre als Schwerstpflegefall im Krankenhaus.                                                                             Foto: Privat

Chorea Huntington

Etwa 8000 bis 10000 Menschen in Deutschland haben diese Erbkrankheit des Gehirns. Sie ist fortschreitend und bricht meist zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr aus (aber auch da gibt es große Schwankungen). Viele Patienten leiden unter Bewegungs- und Verhaltensstörungen, später kommt es zum Rückgang der intellektuellen Fähigkeiten. Das Protein Huntingtin tötet letztlich Nervenzellen in bestimmten Gehirnanteilen, die für wesentliche Funktionen wie die Bewegungskontrolle, aber auch die psychische Gesundheit notwendig sind. Der amerikanische Arzt George Huntington hat als erster erkannt, dass es sich um eine Erbkrankheit handelt. Zu den auffälligsten Krankheitszeichen eines Huntington-Patienten gehören die choreatischen (griech. Choreia=Tanz; unwillkürlichen und unkontrollierbaren) Bewegungen. Man versteht darunter schnelle, eckige, sich wiederholende Positionsveränderungen eines Muskels oder mehrerer Muskeln, die ohne den Willen des Erkrankten auftreten. Zusammen  mit dem unsicheren, fast torkelnden Gang und dem Grimassieren können diese Symptome sehr entfernt an einen Tanz erinnern. In früheren Zeiten erbat man bei einem solchen Krankheitsbild Hilfe vom Heiligen Veit, der auch Schutzpatron der Tänzer ist. So kam es wohl zur ursprünglichen Krankheitsbezeichnung “Veitstanz”.

INTERVIEW

 

Prof.Dr. Carsten Saft

Prof.Dr. Carsten Saft       Foto: Privat

Herr Professor Dr. Saft, ist der oben geschilderte Bericht aus Mittelhessen ein typisches Beispiel für Chorea Huntington-Erkrankungen?

Dr. Saft: Solche Fälle können vorkommen. In der Regel tritt die Krankheit in ähnlichem Alter auf, wie in der Elterngeneration. In dieser Familie tritt die Krankheit relativ früh auf, das kann sein, zumal, wenn sie über die männliche Seite vererbt wird, das muss aber auf keinen Fall immer so sein. Das Gen kann bei der Vererbung im Ausnahmefall instabil sein, und das passiert im Rahmen der Spermienbildung überwiegend bei der Vererbung über den Vater. Die leichte Erregbarkeit und Aggressivität des Schwiegervaters sind keineswegs immer ein Symptom, können aber ebenfalls vorkommen.

Die im Artikel beschriebene Schwiegermutter war natürlich auch eine Person ihrer Zeit. In den dörflichen Strukturen vor 70 Jahren waren Krankheit, Behinderung und Kinderlosigkeit ein größerer Makel als heute. Sind solche Fälle in der Gegenwart noch möglich?

Dr. Saft: Die Offenheit und die Bereitschaft über Chorea Huntington zu sprechen haben deutlich zugenommen, es gibt Selbsthilfegruppen, Internet-Foren und Zentren, wo sich Patienten vorstellen und an Studien teilnehmen können.

Es scheint so, als habe auch ein etwas unkritischer Umgang mit Alkohol in dieser Familie eine gewisse Rolle gespielt. Gibt es da eine allgemeine Kohärenz zu der Chorea Huntington Erkrankung?

Dr. Saft: Es gibt Patienten, die eine innere Anspannung empfinden und sich mit Alkohol auch selbst beruhigen und sich diesen als eine Art Selbstmedikation verabreichen, aber das ist nicht typisch für Chorea Huntington-Patienten. Ich warne entschieden davor, diese Menschen als Alkoholiker zu bezeichnen. Das einzige, was auffällt ist, dass viele Patienten überproportional häufig rauchen.

Die Mutter von Carmen sagte, dass deren zweite Schwangerschaft die Krankheit hätte ausbrechen lassen. Wie lässt sich das medizinisch erklären?

Dr. Saft: Ich bezweifle da eine Kausalität. Ich nehme an, dass dies eher ein Erklärungsmodell der Mutter ist. Es kann aber schon sein, dass Hormonspiegelveränderungen einen Einfluss auf die mit der Krankheit einhergehenden Bewegungsstörungen haben können. Hier halte ich den Zusammenhang aber für zufällig.

Dürfen ungeborene Kinder aufgrund einer positiven Chorea Huntington-Diagnose abgetrieben werden?

Dr. Saft: Seit dem Gendiagnostik-Gesetz von 2010 darf es keine vorgeburtlichen diagnostischen Untersuchungen von Embryos mehr geben, um eine Erkrankung festzustellen, die in der Regel erst im Erwachsenenalter auftritt. Dazu gehört auch Chorea Huntington. Allerdings entstehen zur Zeit Zentren zur Präimplantations-Diagnostik (PID), denen sich Paare mit Kinderwunsch vorstellen können. Es muss eine Ethik-Kommission entscheiden, ob eine Untersuchung des wenige Tage alten Embryos hinsichtlich Chromosomenanomalien möglich ist. Bei der PID werden die Eizellen entnommen und mit Hilfe einer Spermaprobe des Mannes befruchtet. Nach etwa drei Tagen verfügt der Embryo über acht Zellen. Ein bis zwei Zellen werden von jedem Embryo in diesem Stadium entnommen. Diese Zellen werden genetisch darauf untersucht, ob sie die Huntington Mutation haben. Schließlich werden ein oder zwei Embryonen, die die Mutation nicht haben, in die Gebärmutter transferiert, damit sie sich entwickeln.

Bei Carmens zweitem Kind hofft die Großmutter, dass es den Gendefekt nicht hat. Man sähe es ihm nicht an!?

Dr. Saft: Letztlich kann man das nicht sagen. Bevor die Krankheit keine Symptome zeigt gibt es keine Gewissheit. Man kann sich absolut gesund und fit fühlen und trotzdem Mutationsträger sein. Es hat auch nichts damit zu tun, ob man einem Elternteil ähnlich ist oder nicht. Man muss sich genau überlegen, ob man es wissen will. Viele wollen keine Sicherheit und möchten lieber die Hoffnung haben, dass sie das defekte Gen nicht haben. Wichtig ist, dass man sich Zeit lässt bei einer solchen Entscheidung. Vor dem Test sollte man sich überlegen: Schließe ich eine Berufsunfähigkeits- und eine Pflegeversicherung ab? Außerdem sollte man ein humangenetisches Beratungszentrum aufsuchen.

Wie gehen Betroffene mit einer solchen Krankheit um?

Dr. Saft: Ich betreue Familien, in denen der gesunde Partner den kranken über lange Jahre pflegt und dann anschließen unter Umständen die erkrankten Kinder betreut. Die Menschen sind so tapfer, mit welcher Hingabe sie das tun. Ich bewundere das.

Wird es in absehbarer Zeit ein Mittel gegen Chorea Huntington geben?

Dr. Saft: Mit Medikamenten können wir schon jetzt die Symptome der Erkrankung lindern: die Bewegungsstörungen dämpfen, Depressionen und Reizbarkeit eindämmen, in diesem Bereich wird sehr intensiv geforscht. Es gibt aber noch kein Medikament, mit dem man die Krankheit an sich verzögern kann. Aber auch da gibt es Studien, die den Krankheitsverlauf beeinflussen sollen. Seit der Identifizierung des für die Krankheit verantwortlichen Gens im Jahre 1993 hat die Forschung einen großen Schritt nach vorne gemacht. Die Pharma-Industrie erhofft sich bei der Forschung bezüglich Chorea Huntington natürlich auch Ergebnisse, die sie bei anderen degenerativen Krankheiten des Nervensystems wie Parkinson oder Alzheimer nutzen kann. Ich würde Patienten, Mutationsträgern und Risikopersonen aus Huntington-Familien empfehlen, sich einem Zentrum vorzustellen, um sich über die Möglichkeiten, die es gibt zu informieren. Gute und aktuelle Infos zu dem, was in der Forschung passiert, gibt es zum Beispiel auf der Seite HDBuzz.

Herr Professor Dr. Saft, vielen Dank für das Gespräch!

Professor Dr. Carsten Saft ist Oberarzt am Katholischen Klinikum in Bochum. Er leitet das Huntington-Zentrum in Nordrhein-Westfalen.

 

Ergänzung:

DirkKunzIn einer früheren Version des Artikels war noch eine Abbildung von der Tochter Carmen und ein Hochzeitsfoto von Ursula und ihrem Mann Hans-Werner S. enthalten. Später bat Frau S. mich, beide Bilder nicht mehr zu publizieren. Dieser Bitte bin ich nachgekommen.

ROLF GÖLZ

PORTRÄT

Der Nüchterne

„Tour-Sieger werde ich nie, aber Millionär“ hat Rolf Gölz einst gesagt und er sollte Recht behalten. Er war einer der erfolgreichsten deutschen Radrennfahrer in den 80er Jahren und galt als Klassikerspezialist. Auch nach seiner Karriere blieb der Geschäftsmann erfolgreich.

Rolf Gölz

Rolf Gölz mit seinem original Colnago-Rad aus den 80er Jahren vor seinem Radgeschäft in Bad Waldsee.

VON DIRK KUNZ (TEXT UND FOTOS)

BAD WALDSEEDie 17. Etappe der Tour de France läuft auf einem Bildschirm im weitläufigen Verkaufsraum des Radgeschäftes von Rolf Gölz in Bad Waldsee. Der ehemalige Profi und zweifacher Tour-Etappensieger schaut nur kurz auf den Flachbildschirm. „Das ist lange her.“ Während des Tages hat er wenig Zeit, das Rennen zu verfolgen. Abends schaut er manchmal die Zusammenfassung an. Sentimentalitäten sind seine Sache nicht.
Nach seiner Radsportkarriere studierte Gölz BWL. Eine Vernunft-Entscheidung. An Ingenieurwissenschaft traute er sich nicht ran („Zuviel Mathematik“) und da er ein Fahrradgeschäft eröffnen wollte, bot sich das Wirtschaftsstudium an, außerdem konnte er zu Hause wohnen, da sich die FH Biberach in der Nähe befand. Danach hat er ein Jahr in seinem Radgeschäft gearbeitet, direkt im Laden stehen und verkaufen wollte er aber langfristig nicht, so kam die Offerte von Hans-Michael Holczer 2002 genau zur richtigen Zeit. Bis 2006 war er sportlicher Leiter für das Team Gerolsteiner. Danach arbeitete er zwei Jahre für einen lokalen Autovermieter als Controller. Dann bekam Gölz das Angebot, einen Rad-Online-Handel zu eröffnen. In seinem Radgeschäft kümmert er sich um alle kaufmännischen Aspekte, sein Partner Rolf Weggenmann betreut das operative Geschäft. Bei dem Online Shop ist er alleiniger Geschäftsführer.
Rennsporträder gibt es in Gölz´ Geschäft nicht zu kaufen. Die waren beliebt in den 70er Jahren: Rennräder mit Schutzblech und Gepäckträger. So einen “Halbrenner” bekam er vor seiner Kommunion vom Stief-Großvater, der selbst Rennfahrer war, geschenkt.

Erstes Rennen gewonnen

Damit hat er sein erstes Rennen bestritten. Der lokale Radsportverein suchte Talente: Drei Kilometer auf einem Feldweg von Bad Schussenried nach Otterswang und zurück. Auf der gleichen Strecke fährt er noch heute regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit (Jahrestrainingskilometer: 3000). Der Zwölfjährige durfte aber eigentlich gar nicht starten. Er war gerade gegen Pocken geimpft worden und von schweren körperlichen Anstrengungen wurde abgeraten. Gölz schlich sich zum Rennen und gewann. Der Radverein stellte ihm ein richtiges Rennrad und fortan trainierte er zweimal die Woche.
Die Erfolge stellten sich früh ein und kamen fast beiläufig- ein Charakteristikum seiner Karriere. Er fuhr als Junior im Straßenvierer, deshalb sollte er bei den Deutschen Bahn-Meisterschaften in der 4000 Meter Einerverfolgung starten. Er lieh sich ein Bahnrad, weil er selbst keines besaß, trainierte zweimal auf dem Oval und wurde 1980 Deutscher Meister der Amateure. Udo Hempel, sein Bahn-Rad Trainer von 1982 bis 1984, schwärmt noch heute von seinen begnadeten biomotorischen Fähigkeiten. Gölz sei absolut auf seinen Sport fokussiert gewesen, man habe ihn eher bremsen müssen. Nach einem dreistündigen intensiven Training habe man ihn regelmäßig mit sanftem Druck von der Bahn geholt. Sein Selbstvertrauen hinkte damals aber seinem Können hinterher. Es ging vor allem darum, ihm zu vergegenwärtigen, was er zu leisten im Stande war: „Seine Leidenschaft fürs Radfahren, kombiniert mit seiner Intelligenz machten seine Klasse aus“, sagt Hempel. Gölz gewann 1982 eine Silbermedaille bei der Bahnrad-WM in England, ein Jahr später Gold in der 4000 Meter Mannschaftverfolgung bei der WM in Zürich, bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles holt er Silber und Bronze auf der Bahn.

Ein Oberschwabe in Italien

Die Erfolge waren hervorragende Bewerbungsvoraussetzung für einen Profivertrag. Gölz hatte schon früh Kontakt zu Ernesto Colnago, auf einer Fahrrad-Messe in Köln kam der auf ihn zu, ob er nicht für das Profi Team Del Tongo-Colnago fahren wolle und so unterschrieb der Heimatverbundene bei den Italienern. Der sprachbegabte Oberschwabe war sofort integriert und konnte sich schnell auf Französisch, Englisch und Italienisch verständigen. Und wieder fuhr er sofort Resultate ein: Die Andalusien-Rundfahrt war sein erstes Profirennen, das er auch gewann, vor Miguel Indurain.
Giuseppe Saronni war der Spitzenfahrer seines Rennstalls, aber der 32-Jährige hatte seinen Zenit überschritten. Als Gölz realisierte, dass der etwas trainingsträge Italiener die Arbeit, die die Mannschaftskollegen für ihn leisteten nicht in Erfolge umsetzen konnte und wollte, fuhr er immer öfter auf eigene Rechnung. Im zweiten Profijahr habe sich Saronni gegen seine Giro-Nominierung ausgesprochen. Zwar hatte Gölz noch einen Vertrag, er sprach aber mit Ernesto Colnago und bat um Freigabe. Bis heute ist sein Verhältnis zu Saronni zerrüttet.
Die schnellen Erfolge im beinharten Profigeschäft erklärt Gölz damit, dass er in einer anderen Zeit Rad gefahren sei: Im Oktober habe man damals mit dem Radfahren aufgehört und erst kurz vor Weihnachten wieder langsam mit dem Sport begonnen. Relativ untrainiert seien die Profis dann zu den ersten Rennen gekommen. Gölz staunte nicht schlecht: Während der Andalusien-Rundfahrt im Februar seien die Rennfahrer 150 Kilometer auf dem kleinen Kettenblatt gefahren und lediglich die letzten 30 Kilometer vor dem Ziel begann das eigentliche Rennen. Der Wechsel zwischen Amateur und Profi ist dem im Winter immer fleißig trainierenden Gölz somit leicht gefallen. Nach dem Bruch mit dem Saronni-Team kam er 1987 zu Jan Raas´ Mannschaft Super Confex, nach drei Jahren fuhr er dann für Team Buckler-Colnago und 1991/92 war er bei Ariostea unter Vertrag. Dort fuhr er mit Moreno Argentin und Bjarne Riis. Nach acht Jahren Profiradsport war dann Schluss. Gölz hatte keine richtige Motivation mehr. Auch die Erwartungshaltung der Medien, Zuschauer und Arbeitgeber belasteten ihn. Der Druck, immer gewinnen zu müssen und die fehlende Wertschätzung von den Ergebnissen, wenn er „nur“ Zweiter wurde, hatten ihm die Freude am Fahrradfahren genommen.
Hartmut Bölts wollte ihn 1993 für den Mountainbike-Weltcup gewinnen. Da könne er doch ohne großen Aufwand mitfahren, meinte Bölts. So einfach sei das aber auch schon damals nicht gewesen. Ein Mountainbike-Rennen hat er zwar gewonnen, da ging es aber nur auf einem Schotterweg berghoch, den er halt mit einem Mountainbike anstatt mit dem Rennrad hochfuhr, technisch nicht besonders anspruchsvoll. Bei den Weltcup-Rennen sei er aber regelmäßig schon in der Qualifikation ausgeschieden, nicht zuletzt wegen der mörderischen Abfahrten. Nach einer solchen habe er im Tal so übersäuerte Beine gehabt, dass er berghoch auch nicht mehr schneller fahren konnte. Missen möchte er dieses Intermezzo aber nicht: „Der Zusammenhalt war toll.“

Tour de France Trophäen von Rolf Gölz

Rolf Gölz´ Sieg-Trophäen von der Tour de France 1987 und 1988. Er gewann die Etappe von Tarbes nach Blagnac und ein Jahr später den Abschnitt von Reims nach Nancy.

Auch heute noch blickt er gerne auf seine zwei Tour-Etappensiege zurück, auf die Meisterschaft von Zürich 1987 und ein Jahr später auf den Sieg im Fleche Wallonne. Vom Fahrertyp lagen dem Familienvater von zwei erwachsenen Söhnen einfach die klassischen Rennen. „Ich konnte kleinere Berge gut hochfahren, war sprintstark und kam immer gut durch den Winter, außerdem lagen mir die kühleren Temperaturen.“
Gölz ist Pragmatiker. Geld ist ihm wichtig, er möchte nicht jeden Euro zweimal umdrehen, der Vater war Beamter, im Hause Gölz wurde gespart. Als Jugendlicher ist er auch deswegen jeden Tag mit dem Rad zur Schule gefahren, weil er das gesparte Busgeld behalten durfte. Während der Tour de France 1989 hat er gesagt: „Tour Sieger werde ich nie, aber Millionär.“ Das sei ihm gelungen, zumindest in DM-Zeiten. Der 52-Jährige ist aber bodenständig geblieben und er protzt nicht. Er fährt ein zehn Jahre altes Auto und es ist kein Porsche. Er hätte während seiner Profi-Zeit mehr verdienen können. Er fuhr kaum gut dotierte Sechstage-Rennen und verzichtete alleine auf 500.000 Mark weil er 1992 seine Karriere vorzeitig beendete.

Doping

Gölz hat natürlich mitbekommen, dass auch zu seiner Zeit gedopt wurde. Es gab noch kein Epo, wohl aber Wachstumshormone, Anabolika, Amphetamine und Kortison. Es habe immer Fahrer gegeben, die mehr oder weniger genommen hätten. Es musste dann jeder selber beantworten, was er bereit war zu tun.
„Ich weiß aber auch, dass es möglich war an einem guten Tag ohne alles zu gewinnen: Das habe ich auch bewiesen.“ Das sei später in der Epo-Zeit nicht mehr möglich gewesen und deshalb möchte Rolf Gölz keinen Rennfahrer verurteilen, der da mitgemacht hat und er kann auch die Globalschelte gegenüber Armstrong nicht verstehen.
Er muss an die Tour de France 1987 denken, die letzte Austragung der Frankreich-Rundfahrt über 4000 Kilometer, einen seiner zwei Etappensiege holte er in diesem Jahr. Die letzten drei Tage waren alle Fahrer platt. 160 Kilometer wurde richtig langsam gefahren und wehe ein Fahrer hat sich nicht daran gehalten, erst die letzten 30 Kilometer ging es dann zur Sache. Man könne die Tour sauber fahren, dafür käme man halt etwas später an. Aber es läge eben auch in der menschlichen Natur, um jeden Preis gewinnen zu wollen. Gölz ist halt durch und durch Realist.

Seit 2013 verkauft Gölz und sein Geschäftspartner auf 600 Quadratmeter Fahrräder in Bad Waldsee.

Seit 2013 verkauft Gölz und sein Geschäftspartner auf 600 Quadratmetern Fahrräder in Bad Waldsee.

Adelheid Schütz

FRAUENRADSPORT

Geradeaus Weltklasse!

Adelheid Schütz

Die Doppelsenioren-Weltmeisterin und vielfache bayerische Einzelzeitfahrmeisterin Adelheid Schütz belegte als Amateurin den siebten Platz bei der DM im EZF der Elite-Fahrerinnen in Einhausen.                          Foto: Christian Göckes

VON DIRK KUNZ

EINHAUSEN ■ Adelheid Schütz ist eine der schnellsten Radfahrerinnen in Deutschland, aber wirklich Rad fahren kann sie nicht. Sie mag es nicht, sich mit anderen Radfahrern in einem Feld zu bewegen und vor allem mag sie keine Kurven. „Aber geradeaus ist sie Weltklasse“, sagt ihr Mann Rainer Völkl, der auch ihr Trainer ist.
In dem Reigen von Weltklasse-Radfahrerinnen, die alle jünger sind und von Berufs wegen schnell Rad fahren, sticht die Chemikerin schon hervor. Das ist auch an ihrer Vita abzulesen: In Thüringen in einer Akademikerfamilie aufgewachsen, die Mutter Mathematikerin, der Vater Physiker, spielte Sport keine große Rolle. In der Vorwendezeit als Jugendliche demonstrierte sie auf den Montagsdemonstrationen. Nach der Mittleren Reife wanderte sie nach England aus, dann ging sie für zwei Jahre nach Frankreich und hat in Irland ihre Hochschulreife absolviert.
Ihr Mann, ebenfalls Wissenschaftler, hat sie zum Radfahren gebracht. Mit 35 Jahren hat sie erst angefangen ernsthaft zu trainieren. „Wer 150 Kilometer in Unterlenkerhaltung fahren kann, ist auch für Zeitfahren geeignet“, hat Rainer Völkl damals gesagt und sie 2007 bei der Bayreuther Stadtmeisterschaft angemeldet und prompt verbesserte sie den Streckenrekord um sechs Minuten. Sie hat nie ein eigenes Auto besessen und ist schon immer gerne mit dem Rad gefahren. Mit dem Wettkampfsport hat sie auch deshalb so spät angefangen, weil sie zuerst promovieren wollte. In ihrer Doktorarbeit hat Schütz das Verhalten von polyvalenten Ionen untersucht.
Ihre Abneigung gegenüber Kurven und großen Feldern begründet sie eben damit, dass sie erst sehr spät mit dem spezifischen Radtraining anfing. „Wer das in der Jugend trainiert hat, kann sich ganz anders im Feld durchsetzen und ist technisch versierter.“
Aber mit hoher Geschwindigkeit geradeaus zu fahren, das entfaltet bei ihr Suchtpotenzial: „Ich liebe es, richtig schnell zu fahren. Ich genieße das Gefühl, mit der Rennmaschine zu verschmelzen und die Felder an mir vorbeiziehen zulassen“ , sagt die 41-Jährige.
Dass sie über 20 Jahre älter als viele ihrer Konkurrentinnen ist, macht ihr nichts aus. Sie versteht sich gut mit den anderen Radfahrerinnen, natürlich hätten die teilweise andere Interessen, aber im Rennen spiele das Alter keine große Rolle. Im Gegenteil, es biete auch Vorteile:
Mit 30 Jahren sei man Senior und könne dort auch noch in dieser Kategorie Rennen mitfahren und gewinnen.
Sie arbeitet 45 Stunden in der Woche an der Universität in Bayreuth als Fakultäts-Assistentin, betreut Studierende und hält Vorlesungen. So bleibt wenig Zeit fürs Training. Um das effizient zu gestalten, fährt sie oft abends zu Hause auf der Rolle und kommt insgesamt auf etwa 15.000 Kilometer im Jahr.

Die Strecke zu Hause abgefahren

„Ich will richtig schnell fahren“, so umschreibt sie ihr Ziel für die Deutschen Meisterschaften 2015 in Einhausen.
Die Wochen vorher hat sie viel mit dem Zeitfahrrad trainiert. Rainer Völkl hat im Vorfeld die Strecke gefilmt und mittels eines Computerprogrammes konnte Adelheid Schütz dann zu Hause auf der Rolle speziell die Strecke in Einhausen trainieren.
In der Nacht vor dem Zeitfahren sind sie und ihr Mann angereist. Am Donnerstag hat sie noch gearbeitet und direkt nach dem Rennen am Freitag ging es wieder nach Hause.
Am Start steht sie in ihrem grauen Renneinteiler ohne jeden Sponsoren- oder Team-Namen. Der Ehemann kontrolliert Minuten vor dem Start noch die Reifen und säubert sie vom Dreck. Sie fährt ohne Begleitfahrzeug. Keiner sagt ihr, wie viel Rückstand oder Vorsprung sie hat, welche Schwierigkeiten in der nächsten Kurve lauern und da ist keiner, der sie aus dem Wagen anfeuert. Wenn sie einen Defekt hat, ist das Rennen für sie beendet. Ihr Mann muss sie dann mit dem Auto einsammeln.

Foto: KUNZ

Foto: KUNZ

Der Moderator am Start scheint mit ihrem Namen nicht viel anfangen zu können und wundert sich, warum Schütz als Viertletzte im Reigen der nationalen Elite startet: „Ich weiß nicht, wer das eingeteilt hat, aber wer so spät startet, der muss schon etwas drauf haben.“
Unsicher fährt Schütz die steile und technisch schwierige Rampe herunter, auch in den Kurven ist die Unsicherheit offensichtlich. 42 Minuten später ist sie im Ziel. Sechs Fahrerinnen waren schneller: Alle jünger, alle mit Teamunterstützung , 49 Fahrerinnen waren langsamer.
Adelheid Schütz ist zufrieden mit dem siebten Platz, ihrem zweitbesten Ergebnis bei den Deutschen Meisterschaften. Mindestens zehn Sekunden habe sie in jeder Kurve verloren. Es schmerzt sie etwas, dass Charlotte Becker auf Platz sechs nur eine Sekunde schneller war als sie. Von den Einzelzeitfahrspezialistinnen hat sie nur Trixi Worrack und Becker noch nie geschlagen. Auf der insgesamt sehr geraden Strecke befand sich vielleicht einfach eine Kurve zu viel.

NACHTRAG

Adelheid Schütz, AmateurweltmeisterinAdelheid Schütz wurde Anfang September 2015 Amateurweltmeisterin ihrer Altersklasse (40-44 Jahre) im Zeitfahren über 18,6 Kilometer. Die Strecke in Hobro (Dänemark) legte sie in 27.07 Minuten zurück und fuhr durchschnittlich 41,15 Km/h. Damit war sie schneller als alle 110 Starterinnen sämtlicher Altersklassen. Radfahrlegende Jeannie Longo, die selbst in ihrer Altersklasse (55-59) gewann, aber 43 Sekunden nach Schütz ins Ziel kam, gratulierte persönlich.

(Foto: Rainer Völkl)

 

 

 

 

Ein Radamateur wird Letzter beim Einzelzeitfahren der Elite

Dreimal überholt, letzter Platz und doch gewonnen!

RenéSachseKopie

Der Thüringer René Sachse startet für den RC Gera 92 und wurde bei den Deutschen Meisterschaften im Einzelzeitfahren Letzter.                                                                                                  Foto: Wolfgang Schuh

Der Zeitsoldat René Sachse ist aktueller thüringischer Landesmeister im Einzelzeitfahren. Damit hatte er sich für die Deutschen Meisterschaften in dieser Disziplin in Einhausen (Südhessen) 2015 qualifiziert. Bei diesem Rennen ist der Amateur-Radfahrer am vergangen Wochenende Letzter geworden. Der Sieger Tony Martin ist im Schnitt zehn Stundenkilometer schneller gefahren.

Herr Sachse, Sie sind bei den Deutschen Meisterschaften im Einzelzeitfahren als Letzter ins Ziel gekommen mit großem Abstand zu dem Sieger. Hatten Sie sich verfahren?
Das nicht und wenn, weiß ich nicht, ob ich es so schnell gemerkt hätte, weil ich ohne Begleitfahrzeug fahren musste. Auf diesen Luxus, der bei vielen Profis Standard ist, muss ich leider verzichten.

Mal ehrlich, sind Sie nicht etwas deprimiert, wenn Tony Martin auf der gleichen Strecke 13 Minuten schneller ist?
Aber der hat auch nicht am Vortag noch in seinem alten Beruf als Polizist gearbeitet und ist dann am Abend alleine zum Rennen gefahren oder saß wie ich, weil ich Einzelkämpfer bin, am Renntag um zehn Uhr morgens noch in der Mannschaftsleitersitzung. Ich bin sicher, wenn sich bestimmte Stellschrauben in meinem Trainingsalltag optimieren ließen, wäre ich etwa drei Minuten schneller. Außerdem muss man es positiv sehen: Ich gehöre zu den 29 schnellsten Einzelzeitfahrern in Deutschland.

Wie haben Sie sich auf das Rennen vorbereitet?
Ich habe versucht, möglichst viele Einzelzeitfahren unter Rennbedingungen zu absolvieren, nur so bekomme ich die Rennhärte. Ansonsten habe ich sehr oft mit dem Zeitfahrrad trainiert, auch auf der Bahn bei mir zu Hause in Gera.

Mit welchem Vorsatz geht man in so ein Rennen? Sagt man sich: Letzter will ich nicht werden?
Ich war von Anfang an realistisch. Unter Profis habe ich wenige Chancen. Der Kurs war mit 45 Kilometern gut 15 Kilometer länger als das, was ich normalerweise im Rennen fahre. Es gab viele kleine Anstiege, die man erst unter Wettkampfbedingungen wirklich wahrnimmt. Die Stimmung war aber toll.

Wie oft sind Sie überholt worden?
Ich bin als Dreizehnter gestartet und drei Fahrer sind an mir vorbeigezogen. Das kommt bei den Zeitfahren, die ich sonst so fahre, selten vor. Allerdings habe ich bei diesem Rennen schon damit gerechnet.

Und im nächsten Jahr?
Möchte ich –wenn möglich– auf jeden Fall wieder dabei sein. Ich habe durch das Rennen an Erfahrung gewonnen und am Material, das ich verwende, lassen sich auch noch einige Sekunden herausholen.

René Sachse, Einzelzeitfahren Einhausen 2015

René Sachse mit 54 Km/h auf der Zielgeraden bei der DM im Einzelzeitfahren in Einhausen.               Foto: Angie Haase

Der 34-jährige Rad-Amateur wohnt in Gera und arbeitet in Augsburg. Er fährt zwischen 13- und 16.000 Kilometer im Jahr. Sein nächstes Ziel ist der Radweltpokal in St. Johann (Tirol) Ende August.

Mit René Sachse sprach Dirk KUNZ.

Tod eines Lehrers: Torsten Mick stirbt

Torsten Mick stirbt

Digital StillCamera

Das Arbeitszimmer                                                                                                                                                     Foto: KUNZ

VON DIRK KUNZ

Der letzte Tag im Leben von Torsten Mick ist warm, fast zu heiß. Der Unterricht des Pädagogen beginnt an diesem Montag erst sehr spät. Er isst mit seiner Frau auf der Veranda zu Mittag. Es schmeckt ihm und sie sprechen darüber, wie gut es ihnen doch geht und fragen sich, womit sie so ein Glück verdient haben.
Mick treibt viel Sport, ist überzeugter Nichtraucher und trinkt wenig Alkohol. Auch versucht er bewusst, andere Überlastungen zu vermeiden: Seit einigen Jahren hat der Deutsch- und Politiklehrer seine Unterrichtsverpflichtung um die Hälfte reduziert. Die letzten Jahre versucht er bewusst, das Leben zu genießen. Sobald es die Arbeit und der Kalender zulassen, reist er: Amsterdam, Venedig, Paris, Côte d´Azur, das Baltikum und Polen. Seit einigen Jahren ist er überzeugt, früh zu sterben. Seine Frau tut das zwar etwas ab, aber es scheint fast so, als will er die Zeit, die ihm bleibt, mit möglichst vielen Erlebnissen füllen.
Gegen 14 Uhr macht sich Mick an diesem Spätsommertag auf den Weg zur Schule. Wann immer es geht, nimmt er für die elf Kilometer das Fahrrad. Beim Abschied ist er ungewohnt ernst, anders als sonst. Geht es ihm körperlich nicht gut oder denkt er schon an das Kaffeetrinken gegen 17.30 Uhr mit einem engen Familienmitglied? Das Verhältnis zu diesem ist problembeladen, das belastet ihn.
Schon vor zwei Wochen, als Mick und seine Frau in Düsseldorf ihr 30-jähriges Kennenlernen gefeiert haben, hat sie eine gewisse kaum spürbare Distanz gefühlt. Als er das Haus verlässt, ist sie im Begriff das Geschirr von der Terrasse in die Küche zu tragen und möchte ihn noch fragen, ob ihn etwas bedrückt, aber Torsten Mick ist schon weg. Sie überlegt noch einen Moment, ob sie ihm nachgehen soll, um das zu klären, tut es dann aber doch nicht. Sie kann ihn ja am Abend fragen.
Torsten Mick kommt etwa um 14.30 Uhr mit dem Rad an seiner Schule an.
Eine Spanisch-Lehrerin ist gerade auf dem Weg zum Nachmittags-Unterricht. Vor dem Haupteingang schließt Mick sein Rad an ein Geländer. Das ist verwunderlich, es gibt an einem Seitenarm des Gebäudes einen Fahrradabstellraum. Vielleicht ist er spät dran. Mick schaut zu der Kollegin auf, während er das Rad sichert und lächelt kurz. Sie erkennt es aber an seiner Mimik, dass er jetzt kein Gespräch will. Er sei mit sich selbst beschäftigt gewesen. Ihr fällt sein roter Kopf auf, sie erklärt sich das mit der hohen Temperatur und der sportlichen Betätigung.
Mick geht in das Klassenzimmer der siebten Klasse. Weil es dort so heiß ist, wechseln sie in einen kühleren Raum in der Nähe der Aula. An seinem letzten Wochenende auf dieser Erde hat er einen Deutsch-Test korrigiert, den er in der ersten seiner zwei Stunden mit den Schülerinnen und Schülern bespricht und zurückgibt. Es ist später Mittag, die Jungs und Mädchen sind unkonzentriert und unruhig. Manche sagen, dass seine Stimme anders geklungen hat, sie sei irgendwie rauer gewesen. Im zweiten Teil der Stunde gibt er ihnen Aufgaben, weil es ihm nicht gut geht. Er wird immer unruhiger, läuft im Klassensaal hin und her, er verlässt den Raum mehrmals und muss sich übergeben. Zu den Kindern sagt er, er habe einen Druck auf dem Brustkorb und ein Ziehen im Arm. In der Aula läuft er einsam mit erhobenen Armen umher. Zurück im Klassenzimmer geht er mehrmals zum Waschbecken, um seine Hände unter kaltes Wasser zu halten. Ein Schüler beobachtet, dass seine Hände so stark zittern, dass er Mühe hat, den Wasserhahn aufzudrehen. Viele sehen, dass es ihm nicht gut geht. Die Schülerinnen und Schüler sagen ihm sogar, dass er zum Arzt gehen soll. Mick sagt, er will den Unterricht zu Ende bringen. Er entlässt die Schüler früher, sie verabschieden sich und wünschen „Gute Besserung“. Mit blassem Gesicht und leiser Stimme bedankt er sich.
In der Aula trifft er einen Freund und Fachkollegen und sie reden miteinander. Auch ihm gegenüber räumt er ein, unter Brustschmerzen zu leiden und dass er einen ausstrahlenden Schmerz spürt, der bis ins Gesicht reicht.
Der Hausmeister sieht, wie die beiden sich in der Aula unterhalten. Vor einigen Jahren hatte er einen Herzstillstand. Völlig symptomlos war er während der Arbeit an einem Samstagmorgen in der Schule ohnmächtig zusammengebrochen, weil sein Herz aufgehört hatte zu schlagen. Er wurde von einem Arbeiter, der sofort Wiederbelebungsmaßnahmen einleitete, gerettet.
Eigentlich will er sie ansprechen, ob sie irgendein Problem haben, sieht aber, dass sie sehr ins Gespräch vertieft sind und möchte nicht stören.
Der tierliebe Torsten Mick kümmert sich in seiner Freizeit liebevoll um ein paar Esel eines Bekannten. Eine Eselin ist krank und bekommt täglich Medikamente, die will er eigentlich noch auf dem Rückweg auf einer Wiese entlang seiner Fahrradstrecke aufsuchen. Da er den Standort als abgelegen beschreibt, bittet er den Freund in der Aula doch mitzufahren, wenn er ohnmächtig wird, findet ihn dort niemand, sagt er. Der Freund, der nur etwa 500 Meter von der Schule entfernt wohnt, willigt ein. Er ist aber mit dem Auto in der Schule. Also fährt er mit dem Wagen zu sich nach Hause und Mick folgt zügig mit dem Rad. Der Kollege sieht ihn im Rückspiegel und denkt, dass es ihm so schlecht doch nicht gehen kann. Er holt das Rad aus der Garage und Mick wartet an der Straße vor dem Haus.
Auf dem Weg mit dem Rad zu den Tieren unterhalten sich die beiden auch über ihre Gesundheit. Dass Männer bis 60 Jahre besonders gefährdet sind, einen Herzinfarkt zu erleiden und dass er in seinem Alter ja noch zu dieser Risikogruppe gehört. Sein Hausarzt habe ihm aber gesagt, dass er uralt werden kann. Der Freund hat kein Handy dabei. Mick braucht seines fast nie, er hat es aber in der Satteltasche. Mick erklärt ihm, wie er es aktiviert, falls er dazu nicht mehr in der Lage ist. Er versichert seinem Freund aber, dass alles in Ordnung ist.
Nie auf dem Weg hat der Freund den Eindruck, dass es Mick schlecht geht, dass er nicht mehr treten kann, im Gegenteil, er fährt mit seinem Rad immer eine Radlänge vor ihm.
An der Koppel beschreibt der Fachkollege Mick bei seinen Esel als völlig selig. Er umarmt die Tiere und wirkt sehr glücklich, entspannt und völlig gesund. Sie unterhalten sich sogar über das schriftliche Abitur und dass Mick die Vorschläge noch konzipieren muss.
Nachdem die Tiere mit Futter und Medikamenten versorgt sind, fahren sie wieder zurück auf den Feldweg. Er besteht darauf, dass sein Freund zurückfährt und er macht sich alleine auf den Weg nach Hause. Wenn ihm jetzt etwas passiert, wird man ihn finden, sagt Mick. So gegen 17.30 Uhr trennen sich die Wege der beiden Freunde an einer Gabelung. Etwa fünf Minuten später fährt seine Frau zum Yoga und passiert -unweit ihres Hauses- die Stelle, an der in einer halben Stunde ihr Mann um sein Leben ringen wird. Später findet sie an dieser Stelle noch einen Knopf seines Hemdes.

Schließlich wird Torsten Mick noch von Weitem von dem Eigentümer der Esel gesehen. Mick wartet an einer Kreuzung, um die Straße zu queren. Er hat einen hochroten Kopf und ringt nach Luft.
Der diensthabende Notarzt im Städtischen Krankenhaus hat seit einer Stunde Dienst. Um 18.04 Uhr geht dort ein Notruf ein. Vier Minuten später ist er mit zwei Sanitätern vor Ort. Etwa 250 Meter von seinem Haus entfernt, hängt Torsten Mick mit seinem Körper über dem Lenker seines Rades, angelehnt an einem hüfthohen stabilen Metallzaun und ist nicht mehr bei Bewusstsein: „Klinisch gesehen war er tot“, sagt der Arzt. Er kann keine Kreislauftätigkeit mehr feststellen. Noch auf dem Bürgersteig, neben der Straße, beginnt er mit den Wiederbelebungsmaßnahmen. Torsten Mick wird fünfmal defibrilliert. Nach 20 Minuten kommt sein Kreislauf wieder. Auf dem Weg zum Krankenhaus ist der Patient stabil. Seine Pupillen reagieren und trotz seiner Intubation setzt ein spontanes Atmen ein. Sein Blutdruck liegt bei 130/70, Herzfrequenz 90. Um 18.35 Uhr erreichen sie das Krankenhaus. Im Reanimationsraum der Klinik kommt es bei ihm zum Kammerflimmern. Die Ärzte verabreichen Adrenalin und ein Medikament, das den Herzrhythmus stabilisieren soll. Der Kreislauf setzt wieder aus und kommt nicht wieder. Um 19.20 Uhr wird Torsten Mick für tot erklärt. Es ist der 23. September und er ist 59 Jahre alt geworden.
Gegen 20 Uhr kommt seine Frau zurück vom Sport in ein leeres Haus. Dass ihr Mann nicht da ist, findet sie ungewöhnlich, aber nicht besorgniserregend. Kurze Zeit später stehen die beiden Kinder vor der Tür, sie soll sich etwas anziehen, dem Vater ginge es nicht gut. Da war er schon über eine halbe Stunde tot. Sie fahren zum Krankenhaus. Torsten Mick liegt leblos auf einem Bett in einem Schocksaal der Herzkathederstation. Schließlich schieben sie den Leichnam in einen eigens dafür vorgesehenen Raum im Krankenhaus. Dort nehmen die engsten Angehörigen Abschied. Die Ehefrau bleibt die ganze Nacht und liegt in Decken gehüllt am Boden und spürt noch lange die Präsenz ihres Mannes, der aussieht, als ob er nur schläft.

Verdrängung, Verdrängung, Verdrängung

Herr Dr. Senges, Anzeichen eines Herzinfarktes sind starke Schmerzen hinter dem Brustbein, ausstrahlend in den linken Arm oder beide Arme, in Hals, Kiefer, Schulterblätter, Oberbauch oder Nacken. Da ist jetzt fast der ganze Oberkörper abgedeckt. Geht das nicht etwas spezifischer?
Dr. Senges: Nein, so stellt sich nun mal der Herzinfarkt dar. Alles, was an Schmerzen zwischen Hals und Zwerchfell vorkommt, ist ein potentieller Herzinfarktschmerz!

Wie viele Patienten, die denken, sie hätten einen Herzinfarkt, haben dann aber doch keinen?
Dr. Senges: Unser Register umfasst 12.000 Patienten aus bundesweit 55 Kliniken. Die Hälfte von denen dachte irrtümlicherweise, sie hätte einen Infarkt.

Von einem Herzinfarkt spricht man, wenn ein Herzkranzgefäß plötzlich durch ein Blutgerinnsel verschlossen wird. Wie kommt es dazu?
Dr. Senges: Da sind unter anderem die Fettablagerungen an der Gefäßinnenwand schuld, verursacht vor allem durch die Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, hohe Blutfettwerte, hoher Blutdruck oder Diabetes. Wenn die aufplatzen bildet sich ein Gerinnsel und verschließt das Gefäß.

Torsten Mick hat nicht geraucht, war schlank, hat viel Sport getrieben und hat seinen Stress reduziert. Die gesunde Lebensweise hat ihm nichts genutzt!
Dr. Senges: Zehn Prozent der Patienten haben keine dieser klassischen Risikofaktoren. Ich würde aber auch nicht sagen, dass sein gesunder Lebensstil ihm nichts gebracht hat, vielleicht hätte er sonst seinen Herzinfarkt viel früher bekommen. Vermutlich war er ein genetischer Hochrisikopatient, mich würde es nicht wundern, wenn es in seiner Familie kardiovaskuläre Erkrankungen gab.

In welchen Zusammenhang steht das unruhige Umherlaufen, oder warum ist er durch die Aula mit erhobenen Armen gewandert? Lässt sich das erklären?
Dr. Senges: Dafür gibt es keinen medizinischen Grund. Der Patient hat wahrscheinlich Schmerzen gehabt und gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Daraus resultierte seine Unruhe.

Die Schüler berichten, dass ihr Lehrer über ein Ziehen im Arm geklagt hat, aber das ist doch nun ein typischer Hinweis für einen Infarkt! ?
Dr. Senges: Unbedingt!

Und warum zieht es?
Dr. Senges: Das ist eine Ausstrahlung vom Herzen her und es zieht eher im linken Arm, weil das Herz links sitzt.

Schließlich übergibt er sich. Das scheint ja eine Begleiterscheinung eines Herzinfarktes zu sein!?
Dr. Senges: Es ist nicht typisch, aber es kommt vor. Man könnte das mit einer allgemeinen Unruhe des vegetativen Nervensystems erklären. Es ist alles im Aufruhr.

Hatte Torsten Mick eventuell in der Schule schon einen Infarkt?
Dr. Senges: Ja!

Und er hatte davon nichts mitbekommen?
Dr. Senges: Ich glaube, er hat das verdrängt. Ein Infarkt ist zwar immer ein Sofort-Ereignis. Aber es ist schon möglich, dass das Gefäß nicht ganz verstopft ist und er in der Schule einen sogenannten Präinfarkt hatte. Es ist eine Definitionssache, ab wann man es nun Infarkt nennt.

Bekommen manche Patienten von ihrem Infarkt nichts mit?
Dr. Senges: Ja, aber das ist eher selten, in fünf bis zehn Prozent der Fälle haben die Patienten einen stummen Infarkt.

Dem Patienten scheint es ja auf der Rückfahrt nach Hause wieder besser zu gehen, sein Bekannter hatte nicht das Gefühl, dass es ihm schlecht ging.
Dr. Senges: Auch hier spielt meiner Ansicht nach die Verdrängung eine wichtige Rolle.

Eine halbe Stunde später ist Torsten Mick tot. Er stirbt auf der Straße. Er war ein gebildeter Mensch, mit scharfem Verstand. Warum hat er die klaren Zeichen nicht richtig gedeutet?
Dr. Senges: Es geht wieder um das Nicht-Wahrhaben-Wollen. Das ist bei vielen Patienten so. Der Verdrängungsmechanismus ist die Hauptursache dafür, dass die Menschen nicht oder zu spät ins Krankenhaus kommen. Wenn man etwas aus der Geschichte um den Patienten lernen kann, dann das: Es ist ein Paradebeispiel für Verdrängung mit all ihren Konsequenzen bis hin zum Tod.

Herr Dr. Senges, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte: Dirk KUNZ

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Professor Dr. Jochen Senges (72) ist Direktor des Institutes für Herzinfarktforschung in Ludwigshafen/Rhein. Foto: KUNZ

Hans Reder-Der Verschwundene

DDR-GESCHICHTE

DER VERSCHWUNDENE

VON DIRK KUNZ

Vor über einem Vierteljahrhundert lieferte ein evangelischer Pfarrer in der DDR fünf Ausreisewillige der Polizei aus. Die Kirchenbesetzer wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Ein einmaliger Fall in der deutsch-deutschen Kirchengeschichte. Bis dahin wurden solche Fälle immer gütlich, ohne Behörden, gelöst. Wie geht es dem Pfarrer heute, im Mai 2015?

Hans Reder lebt heute so als wolle er nicht mehr gefunden werden, in einem 1600 Seelen-Ort, etwa 20 Kilometer nördlich von Kassel. Das Haus selbst, in dem der 87-Jährige eine kleine Wohnung gemietet hat, liegt versteckt, etwas versetzt zur Dorfstraße. Die Mietwohnung hat er vor 26 Jahren bezogen, kurz nach seiner Ausreise aus der DDR, ein knappes Jahr nach dem Ereignis von Weimar, das ihn zerstört und gebrochen hat, wie er sagt.
Schon Reders Vater war Pfarrer und starb früh in den Armen seines Sohnes an einem Sonntagnachmittag an einem Schlaganfall, da war er gerade zehn Jahre alt. Als Trauma bezeichnet er diese Begebenheit. Er zog mit der Mutter zu den Großeltern nach Eisenach und machte dort Abitur. Mit 16 Jahren eingezogen, haben ihn seine Kriegs-Erlebnisse zum zweiten Mal seelisch tief erschüttert. Als Soldat, zum Bahnhofsdienst eingeteilt, kümmerte er sich um die Züge von der Westfront, die auf ihrer Fahrt aus der Luft beschossen worden waren. Das Blut sei aus den Waggons rausgelaufen und die Menschen seien furchtbar zugerichtet gewesen. Er spricht von schrecklichen Alpträumen, die er seit dem hat.
Reder wollte ursprünglich Jurist werden, doch sein bürgerliches Elternhaus ließ einen Studienplatz für Jurisprudenz in der sowjetischen Besatzungszone in weite Ferne rücken und so wandte er sich der Theologie zu. Das sei eine Vernunft-Entscheidung gewesen.

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Hans Reder während der DDR-Zeit in der Herder-Kirche.             Foto: privat

Die erste Pfarrstelle trat der Wintersportbegeisterte am Südhang des Thüringer Waldes an. Nach einigen Jahren wurde er Pfarrer in Berlin. In dieser Zeit berichtet er auch über den ersten Kontakt mit der Staatssicherheit. Am Alexanderplatz sei er drei Stunden verhört worden wie im Film: Herabgelassene Jalousien, angestrahlt von einer Tischlampe wurde ihm Zigarettenrauch ins Gesicht geblasen. Beihilfe zur Republikflucht war der Vorwurf. Ein kirchlicher Mitarbeiter von ihm schleuste junge Menschen von Ost- nach West-Berlin. Reder war darin aber nicht involviert und so ließen sie ihn laufen.
Im Jahr 1970 ergab sich für Reder die Möglichkeit (die sich später aber zerschlug), eine Auslandspfarrdienststelle in Schweden anzutreten. Er sprach die Sprache und hatte dort Familie. Im Zuge dieser Bewerbung musste er beim Staatssekretär für Kirchenfragen vorsprechen. Reder schildert nun, dass der Sekretär sein Ansinnen unterstützte, aber sicher gehen wollte, dass er später auch wieder in die DDR zurückkomme. Er solle eine Rückkehr-Erklärung unterschreiben. Von einer Absichtserklärung zur Mitarbeit bei der Staatssicherheit, wie es teilweise kolportiert wird, könne aber keine Rede sein. Nach Reders Auffassung gab es keine Zusammenarbeit mit der Stasi. Reder hatte aber auch persönliche Beziehungen zu hochrangigen westdeutschen Politkern, und seine Überzeugung, auch deswegen unter Beobachtung der Staatssicherheit zu stehen, erscheint nicht ganz abwegig. „Ich hatte hin und wieder Kontakt mit einem Mitarbeiter des Außenministeriums, wenn es darum ging, Reisen vorzubereiten. Mehr nicht!“ Später ergänzt Reder, dass er ein- bis zweimal im Jahr Gespräche mit Mitarbeitern des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten hatte, bei denen es aber ausschließlich um eine Erörterung und Beurteilung spezieller außenpolitischer Sachfragen gegangen sei.

Das dritte Trauma

Es ist der zweite Adventssontag 1988, ein relativ kühler grau-trister Dezembermorgen. In der Herderkirche in Weimar soll an diesem Tag neben dem Gottesdienst ein junger Mann aus Halle getauft und ein Ehepaar aus Leipzig zur Goldenen Hochzeit eingesegnet werden. Seit zwölf Jahren ist Superintendent Hans Reder im Amt. Sein geistiger Horizont ist groß und weit. Er versteht sich auszudrücken, sagt Pfarrer Dr. Christoph Victor, der die Weimarer kirchlichen Strukturen sehr gut kennt; und der Theologe Wolfram Lässig ergänzt: „Er ist ein brillanter Rhetoriker, ganz im Sinne seines Namens.“ In der engen und kleinen DDR wirken Reders Kontakte und Reisen ins Ausland beeindruckend, er gibt sich weltmännisch und kommt direkt aus der Hauptstadt ins beschauliche Weimar. Gegen neun Uhr betritt der streitbare Pfarrer seine Kirche, um letzte Vorbereitungen zu treffen. Doch an diesem 4. Dezember haben sich fünf Ausreisewillige in der Sakristei verschanzt. Sie wollen damit ihrem Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik Nachdruck verschaffen. Der Superintendent ist wütend, brüllend stürmt er durch das Kirchenschiff auf die Sakristei zu. In dem Raum befindet sich sein Talar, Haustürschlüssel und das Predigtkonzept. „Gebt mir meine Sachen raus“, poltert er. Das ist bereits die vierte Besetzung. Die Herder-Kirche ist für diese Art der Okkupation prädestiniert, es gibt dort sanitäre Anlagen, die ein relativ komfortables längeres Verweilen zulassen. Außerdem erkennt er zwei Besetzer aus früheren Aktionen. Diesmal will er durchgreifen. Sie gehen nicht eher, bis sie die Zusage zur Ausreise haben, sagen die fünf Erwachsenen, unter denen sich drei promovierte Ärzte befinden. Reder möchte die Oppositionellen herausdrängen, es kommt zu einem kleinen Tumult. Volker Brüheim, einer der Besetzer sagt, dass Reder ihnen die Sachen, die sie dort deponiert haben, wegnehmen möchte. Das unterbinden sie, indem sie die Taschen an sich ziehen. Reder nimmt das wohl als Handgemenge wahr.
Ohne ausgearbeitete Predigt und mit einem Ersatztalar versieht er an diesem Sonntag seinen Dienst und konstatiert eine bleierne Schwere, die über dem gesamten Gottesdienst hing.
Reder will Werner Leich, den Landesbischof von Eisenach, anrufen, erreicht ihn aber nicht, der befindet sich auf Dienstfahrt im ostthüringischen Schmölln. Also ruft er die Polizei. Der gegenüber spricht er von Hausfriedensbruch und Körperverletzung. Die Besetzer sollen nach dem Gottesdienst festgenommen werden. Den zuständigen Oberkirchenrat Hans Schäfer zu informieren, weigert er sich: Der sei zu weich, diskutiere zu viel, er nähme das auf seine Kappe.
Die Besetzer geben nicht auf, auch nicht als die Stasi ihnen verspricht, ihnen passiere dann nichts. Reder wird ungeduldig, ihm ist kalt: „Nun walten Sie Ihres Amtes!“ Damit lässt er die Anwesenden allein. Die Ausreisewilligen verlassen in Handschellen durch die Hintertür die Kirche.

Die Stadtkirche St. Peter und Paul in Weimar, im Volksmund Herder-Kirche genannt.

Die Stadtkirche St. Peter und Paul in Weimar, im Volksmund Herder-Kirche genannt.                                     Foto: privat

Der Gemeindekirchenrat distanziert sich von dem gewaltsamen Ende der Kirchenbesetzung. In einer Versammlung im Januar 1989 spricht die Mehrheit der Mitarbeiter Hans Reder das Misstrauen aus. Der uneinsichtige Reder fühlt sich verkannt. Im März geht er in den von ihm beantragten Vorruhestand und bemüht sich nun, nach Westdeutschland auszureisen, während die fünf Kirchenbesetzer bereits verurteilt im Gefängnis sitzen. Im Oktober, noch vor der Grenzöffnung, verlässt er beinahe unbemerkt die Stadt und zieht in einen kleinen Ort nach Nordhessen.

ERKLÄRUNGSVERSUCHE

Warum hat Reder so gehandelt? Es war wohl eine merkwürdig-unheilvolle Melange aus juristischen, theologischen und individuell-psychologischen Faktoren, die ihn beeinflusst haben:
Zunächst sagt er, dass in der verbarrikadierten Sakristei viele persönliche Gegenstände lagen, an die er nicht mehr herankam (Haustürschlüssel, Predigt und Talar). Adäquates Auftreten und Habitus waren Reder wichtig. Dirk Marschall, schon damals und noch heute Diakon in Weimar, erinnert sich, wie Reder Pfarrer rügte, die zu einem Schüler-Treffen in der Herder-Kirche im Anzug statt im Talar erschienen. Nach Christoph Victor war Reder wohl auch frustriert und hatte genug von den vielen Besetzungen, obwohl er in die ersten drei anscheinend nicht näher involviert war.
Reder ist auch heute noch zutiefst überzeugt, dass Menschen nicht ihre eigenen persönlichen Wünsche dadurch zum Ausdruck bringen dürfen, dass sie eine Kirche besetzen. Bei der Herder-Kirche in Weimar handele es sich um eine der ehrwürdigsten Kirchen Mitteldeutschlands. Die Kirchenbesetzung könne kein Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele sein .
Er sah in der Besetzung nach eigenen Angaben eine Entweihung der Kirche. „Ich musste die ganze Zeit an die Tempelreinigung Jesu denken. Der hat die Händler und Geldwechsler doch aus dem Gotteshaus geworfen, weil sie dort ihre eigenen Interessen zu ihren Gunsten wahrnehmen wollten.“ Der Staat sei zum Handeln verpflichtet gewesen, um die Würde des Gottesdienstes wieder herzustellen.
Er habe doch auch explizit keine Anzeige erstattet. Die Polizisten hätten ihn ja noch gefragt, ob er das wolle, er habe das verneint, er wollte nur, dass die Kirche wieder frei sei. In einer Aktennotiz des MfS des gleichen Tages jedoch steht, dass Reder mündlich Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Behinderung bei der Pfarrtätigkeit erstattet hat.
Reder hat rein formaljuristisch betrachtet rechtens gehandelt, sagt Wolfram Lässig, er war Nachfolger Reders als Superintendent und blieb bis 2006 im Amt. Die Besetzer seien widerrechtlich in die Sakristei eingedrungen und hatten Reder seine persönlichen Sachen vorenthalten, außerdem müsse ein Pfarrer natürlich auch den gottesdienstlichen Ablauf schützen. Darauf habe sich Reder ja immer berufen. Damit will der 71-jährige Theologe aber Reders Handeln nicht entschuldigen: „Was Recht ist, kann trotzdem falsch sein. Statt die Hilfe- und Zufluchtsuchenden zu unterstützen, hat er sie ans Messer geliefert.“
Jobst-Dieter Hayner (75 Jahre) war damals Reders Stellvertreter und leitete nach dessen Weggang den Kirchenkreis Weimar kommissarisch: „Reder war zu keiner Zeit bereit, bezüglich seines Krisenmanagements während der Kirchenbesetzung Fehler einzugestehen.“ Das sei ihm insgesamt sehr schwer gefallen.

Hans Reder, 87 Jahre. Foto: KUNZ

Hans Reder, 87 Jahre.                                                                                                                                            Foto: KUNZ

Um Vergebung hat er die fünf Besetzer nie gebeten, auch heute noch fühlt er sich juristisch und moralisch im Recht: „Die Besetzer wussten, was sie taten. Sie haben dieses Gotteshaus entweiht. Das hat mich empört, auch dass es viermal hintereinander passiert ist.“ Ihm sei einfach der „geistige Kragen“ geplatzt. Und schließlich habe es danach auch keine Kirchenbesetzung in Weimar mehr gegeben.
Dass die DDR ein Unrechtsstaat war, der oft geringfügige Vergehen unverhältnismäßig hart bestrafte und man seine Rechte nicht einklagen konnte, lässt er nicht gelten. Er beruft sich aber auch auf seine angeschlagene Gesundheit, schon vor der Kirchenbesetzung. „Ich befand mich in einem Zustand ausgesprochener emotionaler Erschöpfung. Vielleicht hätte ich –wäre ich vollkommen gesund gewesen- nicht so die Nerven verloren.“
Heute ist Reder ein gebrochener Mann. Er leidet unter einer akuten Herz-Lungen-Krankheit. Zwei schwere Krebsoperationen, Eingriffe an Knie und Hüfte lassen ihn kaum noch die Wohnung verlassen. Er steht unter starken Schmerzmitteln.
Morgens und abends schaut eine Pflegerin vorbei und hilft ihm beim An- und Ausziehen. Zweimal die Woche kommt eine Kraft, die ihn badet. Einmal die Woche eine Reinigungshilfe.
Seine Frau ist vor sechs Jahren gestorben. Die letzten drei Jahre hat er sie gepflegt.
Die Ehe blieb kinderlos: „Letztendlich war ich immer allein. Ich warte auf meinen Tod!“
Gegen Ende des Gesprächs gibt mir Hans Reder diverse vergilbte Zeitungsausschnitte und Unterlagen mit, auch von seinen vielen Reisen aus deutschen und schwedischen Zeitungen, auch ein verfilmtes von ihm verfasstes Drehbuch über die Reformation ist darunter. Stationen einer Theologenkarriere im Sozialismus: „Sie müssen erst alles lesen, dann haben sie das richtige Bild von mir. Dann wissen sie, wer ich gewesen bin und was ich geleistet habe. Sicherlich war ich kein Reformer oder Friedenskämpfer, ja und vielleicht war ich zu arglos, aber ich bin kein Schwein gewesen. Ich habe niemanden verraten!“

War Hans Reder ein Verräter?

War Reder Informeller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit? Die Aktenlage der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin ist dünn und das hat auch einen Grund: Ein Vermerk vom 4. Dezember 1989 weist an, die Akte IMS „Beier“ (Registrierungsnummer XV/1535/70) Teil I und Teil II zu löschen, versehen mit zwei handschriftlichen Haken, dass dies anscheinend auch getan wurde. Dass die Akte gelöscht wurde, steht noch auf mindestens zwei anderen Karteikarten.
Es gibt aber ein Formular des MfS aus dem Jahr 1970 zum Anlegen eines IM-Vorganges. In diesem taucht lediglich der Deckname auf („Beier“). Reders Klarname erscheint dort nicht, was auch nicht ungewöhnlich ist, wohl aber die genaue Adresse, unter der IM „Beier“ wohnt: Die Pfingstkirche in Berlin Friedrichshain. Dort hat Hans Reder von 1958 bis 1977 gelebt und gearbeitet. In dem Formular steht geschrieben, dass „der Kandidat als Vorsitzender der Pfarrerbruderschaft die Möglichkeit hat, über interne Besprechungen zu berichten“ und die Perspektive, in eine leitende Stellung der Evangelischen Kirche aufzurücken.  Seit Juni1970 wird Hans Reder also von der Berliner Zentrale als IMS „Beier“ geführt. Auf der Karteikarte steht zunächst IMV, das heißt, er sollte  für eine Mitarbeit gewonnen werden, das ist durchgestrichen und wurde durch IMS ersetzt, eine Stasi-Bezeichnung für Personen die in sicherheitsrelevanten Einrichtungen beschäftigt waren und ohne besonderen Anlass über das Verhalten von Personen berichten sollten.
Nun sagt eine IM-Registrierung für sich genommen noch nichts über die Qualität und Intensität der Zusammenarbeit aus. Und in dem Wenigen, was über Reder niedergeschrieben und nicht gelöscht wurde, haben sich auch noch völlig unverständliche Fehler eingeschlichen. So steht auf einer Karteikarte aus dem Jahr 1971, dass Reder von der Kirchenleitung zum Superintendenten im Kirchenkreis Berlin-Brandenburg (mit Abstimmungsergebnis) gewählt wurde. Das ist nachweislich falsch. Reder war dort nie Superintendent. Der ehemalige Superintendent im Kirchenkreis Friedrichshain und Reders Berliner Weggefährte Detlef Wilinski bestätigt. “Was in den Stasi-Akten steht, ist nicht immer das wahre Evangelium.”
Reder selbst wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen zu sein und kann sich nicht erklären, warum eine Akte über ihn angelegt wurde. Natürlich muss man die subjektiven Einlassungen von Belasteten beachten, aber oft sagen diese eben wenig aus. Verdächtige beschönigen oder verdrängen oft Sachverhalte oder lügen gar bewusst. Ein guter IM ist geübt im Erfinden von Legenden. Wenn die Akten vernichtet wurden oder nicht auffindbar sind, wird es noch schwieriger, die Wahrheit zu erkennen.
In den Akten, die die Stasi über Bischof Werner Leich, seinen damaligen obersten Vorgesetzten, angelegt hat, taucht Reders Name nicht auf. Auch in den Stasi-Unterlagen über Diakon Dirk Marschall ist von Reder nichts zu lesen. Und in der Akte von Jobst-Dieter Hayner ist ebenfalls kein Bezug zu Hans Reder zu finden: „Ich glaube nicht, dass er Stasi-Informant war“, sagt sein damaliger Stellvertreter.
Wolfram Lässig, Reders Nachfolger, hat ihn seit 1983 in Weimar erlebt und seine eigene Akte nie eingesehen, aber er hat ihn bis heute nicht im Verdacht, IM gewesen zu sein.
Reder liebte die preußischen Tugenden und sei ein ordnungsliebender Mensch gewesen, sagt Lässig. Den Aufruhr, den die oppositionellen Kräfte und die Jugendlichen mit in die Kirche brachten, habe ihn genauso gestört wie er dem Staat aus anderen Gründen verdächtig war. Reders Affinität zu den staatlichen Stellen ließe sich dadurch erklären, dass sie vom Ergebnis die gleichen Gegner hatten: „Er musste kein Mitarbeiter der Stasi sein, um so zu handeln, wie er es getan hat“, sagt Lässig.
Und tatsächlich verstärkte das MfS geschickt die in der Kirche oft vertretene Meinung, dass es sich bei den Oppositionellen nur um Leute handele, die unter dem Dach der Kirche Zuflucht suchten. Erfolgreich war der Staat mit dieser Argumentation vor allem bei Amtsträgern, die konservativ auf Besitzstandswahrung setzten und die Kirche gegen alles abschotten wollten, was in ihren Augen die Gefahr von Verfälschung in sich barg.
Aufgrund gemeinsamer Ziele (Schutz vor modernistischen Einflüssen) kombiniert mit Reders Profilierungsstreben („Er stand gerne im Mittelpunkt und wollte in seinem Amt geschätzt werden“, so sein damaliger Stellvertreter Jobst-Dieter Hayner) gab es zumindest wichtige Anknüpfungspunkte zwischen Reder und dem DDR-Staat. Ja, es gab auch den Fall, dass Personen als heimliche Zuträger der Stasi geführt wurden, ohne es zu wissen, und so entbehrt es letztlich nicht einer gewissen tragikomischen Ironie, dass der schwerwiegendeste Beweis für Reders Stasi-Verstrickungen der Hinweis auf die Löschung seiner Akte ist.  Denn die Ausführung dieses letzten Befehls eines sterbenden Staates sollte ja bewirken, dass alle belastenden Indizien vernichtet werden sollten.

DIE KIRCHENBESETZER

MARGIT WACHE

Die heute 68-Jährige wurde damals zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Pfarrer Reder kam ihr an diesem Sonntag nervös, impulsiv und insgesamt ungehalten vor. Auch ihr Schwiegersohn, der sie an diesem Morgen zur Kirche gefahren hat, wurde als “Mittäter” zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Nach vier Monaten wurde sie von der Bundesrepublik frei gekauft. Die Rentnerin lebt heute mit ihrem Mann in Solingen. In ihrer Stasi-Akte steht Wichtiges und Nichtiges, oft sogar, welche Kleidung sie trug. Der Name Reder oder IM Beier taucht aber nicht auf.

DR. VOLKER BRÜHEIM

Der 59-jährige Chirurg aus Dortmund ist von Reders Stasi-Verflechtung überzeugt, er wurde zu 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt und saß bis zum September 1989 in Chemnitz im Gefängnis, bevor er schließlich freigekauft wurde. Die Gerichtsverhandlung habe unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden, nur mit zwei kirchlichen Beobachtern, bei denen sich später herausstellte, dass es Mitarbeiter des MfS waren. Reder sagte im Prozess übrigens nicht aus. In einem Aktenvermerk des MfS steht, dass man vor seiner Befragung vor Gericht Abstand nehmen solle, um eine weiteren “Verleumdungskampagne” gegen ihn zu verhindern. Dem Arzt war Reder schon vor dem 4. Dezember 1988 bekannt und negativ aufgefallen. Er wusste, dass es bei einer Kirchenbesetzung mit Reder Probleme geben würde. Reder habe die Körperverletzung vorgeschoben, denn laut eines internen Kirchenschreibens durfte bei einer Kirchenbesetzung nur bei einem tätlichen Angriff die Polizei eingeschaltet werden. Der Name Reder taucht in seiner Stasi-Akte nicht auf, was ihn aber nicht verwundert, denn sie sei „gesäubert“ worden. Brüheim hat nach der Wende 1990 Anzeige gegen Reder erstattet, das Verfahren sei eingestellt worden, weil der Staatsanwalt die Einlassung von Reder als glaubhaft einstufte. Im Jahr 2008 als er hörte, dass Reder als IM tätig gewesen sein soll, zeigte er ihn erneut an. Inzwischen sei die Tat von Reder aber bereits verjährt gewesen.

DR. RENATE BIEDERMANN

war nicht zu erreichen. Das MDR-Polit-Magazin Fakt erklärt in einem Beitrag am 16. Juni 2015, einen Monat nach meiner Veröffentlichung, dass sie vor der Kirchenbesetzung drei Jahre lang immer wieder erfolglos versucht habe, Ausreiseanträge in die BRD zu stellen. Sie war damals Chefärztin in Weimar und hatte ihre Arbeitsstelle verloren. In der Aktion sah sie demnach den letzten Ausweg, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen und, um in den Westen ausreisen zu können. Hans Reder sei an dem Adventssonntag aggressiv und unbeherrscht gewesen und sei in der Saktristei wie ein jähzorniger Satan herumgesprungen.

DR. AXEL KIRCHNER

führt heute eine Zahnarztpraxis in Köln. Trotz mehrmaligen Kontaktierens war er zu einer Stellungnahme nicht bereit.

FRANK EICHLER

wollte sich zur Kirchenbesetzung nicht mehr äußern und war auch nicht mehr erreichbar.

 

NACHWORT

VON DIRK KUNZ

DirkKunzWar Reder ein Stasi-Spitzel? Auf Befehl von Oberst Joachim Wiegand, den letzten Chef der MfS-Kirchenabteilung, wurden die wichtigsten IM-Akten aus dem Kirchenbereich vernichtet, darunter auch Anfang Dezember 1989 die von Hans Reder. Seine Berichte, die dort eventuell abgeheftet waren, sind unwiederbringlich verloren. War der ominöse Mitarbeiter des Außenministeriums („Herr Berger war ein freundlicher und gebildeter Mann“) in Wirklichkeit Stasi-Mitarbeiter? Reders Frau habe diesen einmal direkt darauf angesprochen und er habe das entschieden verneint. Reder ist überzeugt, dass das Anlegen seiner Akte mit seinen Auslandskontakten nach Skandinavien zu tun haben müsse. Er sieht sich selbst eher als jemand, der sich durch sein Handeln gegenüber der DDR in Misskredit gebracht habe. Seine ökumenischen Ziele, die Partnerschaft zwischen Weimar und einer finnischen Stadt sei nie im Sinne der DDR gewesen. Mir gegenüber hat er bereitwillig eine Einwilligungserklärung unterschrieben, damit ich in seine Stasi-Akte Einsicht nehmen kann. Tat er das so freizügig, weil er wusste, dass von ihr kaum noch etwas übrig ist oder hat er ein reines Gewissen?
Die MfS-Namen, die auf den erhaltenen Karteikarten von Reder auftauchen sind allesamt hochrangige Stasi-Mitarbeiter: Franz Sgraja, ein hoher Stasi-Offizier, der 1972 sogar die kirchenpolitische Abteilung leitete, auch Klaus Roßberg wird mehrmals genannt, der bis zu der Wende der 1. Stellvertretender Leiter war. Hatte man sich von Reder karrieretechnisch mehr versprochen und konnte er diese Erwartungen vielleicht nicht erfüllen? Warum ist die Akte eines eventuell unbedeutenden Inoffiziellen Mitarbeiters gelöscht worden? Vielleicht wollte sich sein Führungsoffizier reinwaschen, einige hatten sich vielleicht erhofft, in den Staatsdienst übernommen zu werden. Reders Agieren während der Kirchenbesetzung ist ihm heute eher unangenehm, obwohl er nicht bereit ist, sich zu entschuldigen. Er bittet mich, sein ganzes Leben nicht nur auf den kurzen Moment der Kirchenbesetzung zu fokussieren. Sein Auftreten früher wurde oft als selbstherrlich beschrieben, viele Weggenossen, die erfahren, wie es ihm heute ergeht, empfinden wenig Mitleid.

REQUIESCAT IN PACE † 17. Mai 2016
Im Amtsblatt Nr. 7 der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland vom Juli 2016 steht in drei dürren Zeilen auf Seite 126 unter der Rubrik „Heimgerufen wurden“: Superintendent i.R. Hans Martin Reder, geboren 12. Juni 1927 in Heinrichsfelde/Schlesien, zuletzt in Weimar, verstorben am 17. Mai 2016 in Hofgeismar.

 

Literaturhinweis:
Christoph Victor: Oktoberfrühling- Die Wende in Weimar, Weimarer Schriften, Heft 49, 1992, S. 11-19.

Walter Schilling: Die „Bearbeitung“ der Landeskirche Thüringen durch das MfS, in:
Clemens Vollnhals (Hrsg): Die Kirchenpolitik von SED und Staatssicherheit, 2. Auflage, Ch. Links Verlag, Berlin 1997,  S. 211 ff. (Einige allgemeinen Aussagen über das MfS und IM wurden dem Aufsatz entnommen.)

Der Abgehängte

Der Abgehängte

VON DIRK KUNZ

Heinrich Trumheller mit dem Deutschen Meistertrikot der Straßenfahrer aus dem Jahr 1992 vor seinem Lebensmittelgeschäft in Nürnberg. Foto: KUNZ

Heinrich Trumheller mit dem Deutschen Meistertrikot der Straßenfahrer aus dem Jahr 1992 vor seinem Lebensmittelgeschäft in Nürnberg.                                                                                                                                             Foto: KUNZ

NÜRNBERG Heinrich Trumheller, 42 Jahre, ehemaliger Profi-Radrennfahrer, spricht wenig und nimmt sich viel Zeit zwischen den Worten. Er redet leise und man hört auch nach über 20 Jahren in Deutschland, dass seine Muttersprache Russisch ist. Er erinnert sich an seine Anfänge als Sportler in der UdSSR. Er ging nicht ins Sport-Internat, wie so viele andere Talente. Sein Vater hat ihn zu Hause trainiert. Zu Hause, das war Naltschick, eine Großstadt im Nordkaukasus. Peter Trumheller wollte, dass sein Sohn eine ordentliche Ausbildung macht und regelmäßig die Schule besucht. In den Internaten zu Sowjet-Zeiten sei aber zu viel trainiert und zu wenig gelernt worden.
Nachmittags fuhr er dann mit seinem Vater regelmäßig zwei bis drei Stunden Rad. Montag und Donnerstag hatte er frei. 13.000 Kilometer als Elfjähriger, ein Jahr später schon gut 18.000 Kilometer und alles auf einem Rad mit Diamant-Rahmen aus DDR-Produktion: „Sehr groß, sehr schwer, aber viel besser als alles, was es in der UdSSR gab“, sagt Trumheller
Insgesamt sei in Russland härter trainiert worden, alles war professioneller organisiert und die Leistungsdichte der Fahrer sei beeindruckend gewesen.

Mit Vorsprung in den Westen

Und mit diesem Vorsprung kam er Mitte 1990 nach Deutschland. Sein Vater, selbst in der UdSSR erfolgreich in der russischen Nationalmannschaft gefahren, ist Wolga-Deutscher und zog mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen Harry und Heinrich nach Donaueschingen, weil die Familie dort Verwandte hatte. Freunde und Verwandte blieben zurück, das war für den älteren Bruder Heinrich schwierig, sportlich allerdings sei der Wechsel kein Problem gewesen. Trumheller gewann 1991 die Slowakei-Rundfahrt und auch das Traditionsrennen Köln-Schuld-Frechen. Ein Jahr später als Profi bei dem schweizer Helvetia-Team, belegte er bei der Tour de Suisse den sechsten Platz, nur 29 Sekunden hinter seinem großen Vorbild Greg LeMond, der damals Dritter wurde. Nur knapp verpasste er auf der siebten Etappe einen Sieg und musste sich in einem schweren Finale aufgrund eines taktischen Fehlers nur Sean Kelly geschlagen geben. Mit dieser bestechenden Form kam er zur Deutschen Meisterschaft am Sachsenring. Das Wetter war heiß, das kam ihm entgegen. So wurde er 1992 Deutscher Straßenmeister der Berufsradrennfahrer.

Frostige Franzosen

Als sein Team sich Ende des Jahres auflöste, hatte er die freie Wahl, es gab viele Angebote. Er ging zum französischen Castorama-Rennstall. Im Nachhinein wahrscheinlich nicht die richtige Entscheidung: „In Italien hätte ich mich wohl besser entwickeln können.“
Erst jetzt merkte er, was er verloren hatte: Das Helvetia Team sei taktisch und organisatorisch sehr gut aufgestellt und es war für ihn schon eine Art Ersatzfamilie.

Die Trainerlegende Paul Köchli, damals der sportliche Leiter von Helvetia, war stets darauf bedacht, den einzelnen Rennfahrer in eine Situation zu bringen, in der dieser sich optimal entfalten konnte und versuchte so, die natürliche Entwicklung des Fahrers zu optimieren. Bei Castorama fuhr jeder für sich, frostig sei das Klima bei den Franzosen gewesen. Das sei nicht zuletzt die Schuld von Cyrille Guimard, dem sportlichen Leiter, der diese egoistische Fahrweise auch noch forcierte und auf Trumheller oft gleichgültig und unmotiviert wirkte.
Nach zwei Jahren wechselte er 1995 zum Team Telekom und neben ihm verpflichtete der deutsche Rennstall auch noch Jan Ullrich, Amateurweltmeister von 1993. Der sei in seinem ersten Jahr genauso oft bei den Rennen abgehängt worden wie Trumheller selbst. Aber 1996 wurde Ullrich schon Zweiter bei der Tour de France und ein Jahr später gewinnt er überlegen das wichtigste und schwerste Radrennen der Welt, da fährt Trumheller schon im zweitklassigen Team Schauff – Öschelbronn.

Armstrong abgehängt und dann kamen die Aliens

Er hat 1989 bei der der Juniorenweltmeisterschaft in Moskau Lance Armstrong abgehängt, vier Jahre später wurde der Amerikaner Weltmeister der Elite-Fahrer in Oslo. Zum Ende von Trumhellers Karriere begann der Texaner die Frankreichrundfahrt siebenmal zu gewinnen. Ullrich und Armstrong, das seien schon große Talente gewesen, komplette Rennfahrer. Genau wie Trumheller!
„Ich habe noch ein oder zwei Jahre in der guten alten Zeit fahren können“, sagt er etwas wehmütig. Da wurden bei den Profis die ersten 80 Kilometer eines Rennens langsam gefahren und erst dann ging es los.

Was aber dann passierte, lässt ihn noch heute den Kopf schütteln. Er habe gesehen, wie die anderen Fahrer auf einmal fuhren. Wie Motorradfahrer seien die teilweise an ihm vorbei gefahren. Ganze Mannschaften seien gerast als kämen sie von einem anderen Planeten. Trumheller lacht leise, er lacht öfters, wenn er auf die unglaublichen Leistungsunterschiede zu sprechen kommt, es ist ein Lachen, das aus der Resignation gespeist wird. Es sei einfach völlig unmöglich gewesen, da mitzufahren. Ein guter Profi wolle er werden, so hat er es zu Beginn seiner Karriere formuliert. „Das ist mir nicht gelungen, gute Resultate habe ich nicht eingefahren“, sagt er heute selbstkritisch. „Meine größten Erfolge habe ich aber sauber errungen und ich bin lange Zeit nur mit Wasser und Brot gefahren.“
Er habe damals gewusst, wozu er in der Lage sei und dann seien unterdurchschnittliche Fahrer an ihm vorbei geflogen, die er früher nur am Start und beim Duschen gesehen habe oder große, schwere Fahrer hätten ihn am Berg stehen lassen, das sei deprimierend gewesen.
Als er seinem Vater damals die großen Leistungsunterschiede im Fahrerfeld mit Doping erklären wollte, habe der ihm nicht geglaubt „Du trainierst zu wenig!“, habe der gesagt, aber die Unterschiede seien so massiv gewesen, dass man so viel hätte trainieren können, wie man wollte.
In den Jahren 1998/99, am Ende seiner Laufbahn, habe er es dann selbst versucht. Er habe Epo ausprobiert, aber von einem medizinisch begleiteten strukturierten Doping wie bei anderen Fahrern sei er meilenweit entfernt gewesen, ihm hätten die Verbindungen gefehlt. Sein Vater habe ihn zur Fairness und Ehrlichkeit erzogen, aber er sei damals verzweifelt gewesen.
Mit 21 Jahren sah er wie sich sein Zimmerkollege eine Epo-Spritze gesetzt habe. Später tauchte ein anderer Teamkollege, ein Helfer eines mehrmaligen Tour de France Siegers, zum Frühstück und Mittagessen mit jeweils zehn Tabletten auf. Für den sei die öffentliche Einnahme von Dopingmitteln gar kein Problem gewesen.
Der verheiratete Familienvater Trumheller fährt heute nur noch sporadisch Rad, in seiner alten Heimat war er seit zehn Jahren nicht mehr. Gegen seinen Vater, der in diesem Herbst Zeitfahrweltmeister der Senioren über 70 Jahre geworden ist, hat er keine Chance. Er verkauft heute in Nürnberg in seinem Einzelhandelsgeschäft Delikatessen aus Osteuropa. Den Radsport verfolgt er kaum noch, zu seinen ehemaligen Radfahrkollegen hat er keinen Kontakt mehr.

 

NACHWORT

von DIRK KUNZ

DirkKunzHeinrich Trumheller ist schwer zu finden. Selbst in Zeiten des Internets. Es gibt einen Beitrag aus dem Jahr 2001 aus einer Deutsch-Russischen Zeitung, damals führte er noch ein Lebensmittelgeschäft in Nürnberg. Das Geschäft existiert so nicht mehr. Die jetzigen Geschäftsführer kennen den damaligen Marktleiter nicht. Ein paar Jahre später wechselte er zur Konkurrenz, wo er russische Schokolade, ukrainischen Gurken oder polnischen Vodka gegen osteuropäisches Heimweh verkaufte, so steht es in einem Artikel der Regionalzeitung. Aber sein damaliger Chef hat seit drei Jahren keinen Kontakt mehr zu Heinrich Trumheller. Es gibt im Nürnberger Telefonbuch einen (weiblichen) Eintrag mit diesem Nachnamen. Aber es geht niemand ans Telefon. Der Anschluss führt in einem Mehrfamilienhaus. Die anderen Familien kennen den Namen Trumheller nicht, wollen ihn nicht kennen oder legen einfach auf.
Der Vorsitzende eines örtlichen Radsportvereins ist sehr zuvorkommend und will sich in Nürnberg umhören: Die Radsport-Szene hier sei gut vernetzt, ich solle mich gegen Mitte der Woche noch einmal melden. Als ich einige Tage später zurückrufe, bedauert er: Nein, er könne mir auch nicht weiterhelfen, er habe mit einigen erfahrenen Vereinsmitgliedern gesprochen und ja, die kannten seinen Namen, aber mehr auch nicht. Es gebe in Nürnberg aber noch zwei weitere Radsportvereine, ich solle es doch da einmal probieren.
Der Pressesprecher des einen Vereins gibt mir die Nummer eines Besitzers eines Radsportgeschäftes, der beim Team Nürnberger sportlicher Leiter und Geschäftsführer war. Ja, der Heinrich, er sei einmal vor zwei Jahren eingeladen gewesen, zu einer Feier in seinem Lebensmittelgeschäft, aber er habe keine Handy-Nummer von ihm. Bei der Feier sei aber auch Dr. Albert Güßbacher, der ehemalige ärztliche Betreuer der Radnationalmannschaft der Amateure aus Nürnberg dabei gewesen. „Güssi“ wisse vielleicht eher, was Heinrich Trumheller gerade treibe.
Dr. Güßbacher kennt den Ex-Profi seit dieser in Nürnberg wohnt und Trumheller hatte ihn in sein Geschäft zum Schaschlick Essen eingeladen. Er gibt mir drei Handy-Nummern von Trumheller, zwei sind bereits an andere Mobilfunknutzer vergeben und die dritte Nummer existiere nicht. Albert Güßbacher beschreibt Trumheller als einen sehr stillen, zurückhaltenden und bescheidenen Sportler. So ein Mensch habe es schwer sich durchzusetzen.
Er gibt mir auch noch eine Adresse, dort sei er damals zum Essen eingeladen gewesen, aber in der Wettersteinstraße mit dieser Hausnummer ist im Netz kein Geschäft verzeichnet. Ein Anruf in einer Metzgerei, die sich ebenfalls in dieser Straße und Hausnummer befindet, bringt nicht weiter. Nein, sie wüssten nichts von einem anderen Geschäft. Auf E-Bay schließlich werde ich fündig. Da verkauft jemand mit einem anderen Vor- und einem ähnlich klingenden Nachnamen Fahrräder, die Interessenten sich an jener Adresse in der besagten Straße anschauen können. Ich melde mich bei E-Bay an und komme so an die Handy-Nummer des Verkäufers. Ja, Heinrich Trumheller sei sein Bruder, er könne mir die Handy-Nummer geben. Der schüchterne ehemalige Radsportler sagt einem Interview-Termin zu, ist offen, aber doch irgendwie reserviert. Auch die Kontakt-Aufnahme nach dem Interview, um noch einige Punkte zu klären, gestaltete sich langwierig und schwierig. Wahrscheinlich redet Trumheller einfach nicht so gerne.

 

 

Ein Gerichtsurteil jenseits des pädagogischen Alltags

Ein Gerichtsurteil jenseits des pädagogischen Alltags

ADD Trier

Die ADD ist die zentrale Verwaltungsbehörde des Landes Rheinland-Pfalz mit vielen Verwaltungsaufgaben. Foto: KUNZ

VON DIRK KUNZ

Auf einer Kursfahrt nach Schweden vor zwei Jahren werden einer Lehrerin aus dem rheinland-pfälzischen Ingelheim am ersten Tag etwas über 1000 Euro aus einem Portemonnaie in ihrem verschlossenen Rucksack gestohlen. Das Geld ist für Eintrittskarten und Stadtführungen bestimmt. Ihr Arbeitgeber, die ADD in Trier als zentrale Verwaltungsbehörde des Landes Rheinland-Pfalz, will für den Schaden nicht aufkommen. Deren Argumentation: Sie hätte doch per EC-Karte zahlen können.
Das Verwaltungsgericht in Mainz attestierte der Deutschlehrerin vor über einem Jahr grobe Fahrlässigkeit. Weil sie einen Teil des Geldes, das ihr gestohlen wurde, an einem öffentlichen Ort eingesammelt habe, hätte die Pädagogin dieses in besonderer Weise schützen und für eine sichere Aufbewahrung sorgen müssen.
Für die etwa 44.000 Lehrerinnen und Lehrer in Rheinland-Pfalz heißt das: Sie haben schlechte Karten, wenn Ihnen auf Klassenfahrten Schülergelder entwendet werden. Die Juristen scheinen bei der Urteilsfindung wenig auf die Lebenswirklichkeit der Lehrerinnen und Lehrer Rücksicht genommen zu haben.

Frau Berger-Saalfeld (Name geändert), Sie waren jetzt kurz vor den Sommerferien auf Klassenfahrt. Eigentlich wollten Sie keine mehr machen!?
Frau Berger-Saalfeld: Nach der letzten Klassenfahrt vor zwei Jahren habe ich mir fest vorgenommen, an keiner mehr teilzunehmen, weil das Risiko natürlich immer „mitfährt“.
Aber man gerät auch in eine gewisse Drucksituation. In bestimmten Klassenstufen stehen nun mal Klassen- oder Kursfahrten an, das ist auch teilweise Bestandteil des Schulprofils. Diesmal waren wir in Hamburg. Auf der anderen Seite würde ich mir selbst keinen Gefallen tun, weil ich diese Fahrten immer gerne organisiert habe und diese Fahrten für die Schüler ein wichtiger Bestandteil sind. Ich mache seit 20 Jahren Klassenfahrten, wir hatten immer tolle Kursfahrten und eigentlich ist nie etwas passiert.

Bis auf den Diebstahl von über 1000 Euro Schülergeldern aus Ihrem Rucksack in Stockholm vor zwei Jahren. Können Sie sich noch daran erinnern, was in Ihnen vorging, als sie merkten: Das Portemonnaie ist weg!?
Frau Berger-Saalfeld: Ich war schockiert und entsetzt. Wir haben alles abgesucht. Ich wusste aber auch, ich habe das Portemonnaie nicht verloren, es muss gestohlen worden sein. Alle Reißverschlüsse meines Rucksackes waren weit geöffnet.

Ihr Arbeitgeber, das Land Rheinland-Pfalz, wollte Ihnen das Geld nicht ersetzen. Er argumentierte, dass es nicht notwendig gewesen sei, so viel Geld dabei zu haben, Sie hätten mit EC-Karte zahlen sollen.
Frau Berger-Saalfeld: Das geht ja gar nicht, das ist völlig unrealistisch. Bei einer Stadtführung sind oft keine Kartenlesegeräte vorhanden. Wir wollten zum Beispiel Eintrittskarten kaufen, es war der erste Tag der Klassenfahrt, so lang es irgendwie ging hatte ich das Geld auf der Bank. Ich war mir der Gefahr des vielen Bargeldes sehr wohl bewusst, deshalb habe ich es auch schnell ausgeben wollen.

Klassenfahrten bedeuten für den Lehrer Dauerstress, Überstunden, die nicht bezahlt werden, bescheidene Unterkünfte, die man privat vielleicht nicht buchen würde und dann stellt sich der Arbeitgeber hin und sagt: Wir kommen für Ihren Schaden nicht auf. Wie ging es Ihnen damals?
Frau Berger-Saalfeld: Ich fühlte mich im Stich gelassen. Ich sehe die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers gegenüber seinen Beschäftigten verletzt. Ich hatte sofort meinen damaligen Schulleiter informiert. Der hat bei der ADD angerufen. Schon damals fielen die Worte „grobe Fahrlässigkeit“. Daraufhin wollte ich die Fahrt abbrechen, woraufhin die ADD darauf hinwies, dass ich eventuell von den Eltern in Regress genommen werden könnte, da ja der Flug und das Hotel bereits bezahlt worden seien. Also entschloss ich mich, das Geld auszulegen und den Schülern auch nichts zu sagen. Die Kinder hatten eine gute Zeit und ich war mir damals auch noch sicher, das Geld zurückzubekommen. Es war eine Dienstreise, der Arbeitgeber ist versichert und so ein Diebstahl kann passieren.

Menschen mit pädagogischer Erfahrung wissen, dass Ihr Verhalten, nämlich als Lehrer große Mengen an Bargeld dabei zu haben, völlig üblich ist und von einem überwiegenden Teil Ihrer Kollegen genauso gehandhabt wird. Warum wollte die ADD Ihrer Meinung nach nicht zahlen?
Frau Berger-Saalfeld: Die fürchteten einen Präzedenzfall. Es hat sich auch im Nachhinein niemand mehr gemeldet, weder von der ADD noch von der Schulleitung.

Wie haben Sie die Gerichtsverhandlung wahrgenommen?
Frau Berger-Saalfeld: Ich war nicht einmal geladen. Durch Zufall hatte ich Freistunden, deshalb war ich überhaupt vor Ort. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass dies auf eine Abweisung meiner Schadensersatzklage gegen das Land hinauslief.

Das Gericht sagt, dass die Schüler doch das Geld selbst hätten verwalten können. Was sagen Sie dazu?
Frau Berger-Saalfeld: Das ist realitätsfremd! Ich hatte während der Verhandlung das Gefühl, dass die Richter keine Ahnung von der Lebenswirklichkeit eines Lehrers hatten.

Die Juristen führten weiter aus: Mit dem öffentlichen Einsammeln hätten Sie die Diebe geradezu eingeladen!
Frau Berger-Saalfeld: Wir hatten ein begrenztes Budget. Die Schüler wollten spontan unbedingt noch eine geführte Stadtrundfahrt machen. Die lag über unserem Budget, also mussten wir das Geld noch einsammeln, um die bezahlen zu können. Wir haben das dann den Schülern erklärt und sofort haben die ihr Portemonnaie gezückt und uns das Geld gegeben, das war so gar nicht geplant. Nur dann haben wir es eben auch genommen und das haben mir die Richter vorgeworfen.
Außerdem glaube ich, dass man hier Täter und Opfer verwechselt. Ich wurde bestohlen, ich war das Opfer und ich habe keinen Dieb genötigt, mich auszurauben.

Wie haben sie jetzt bei Ihrer Fahrt nach Hamburg das Geld transportiert?
Frau Berger-Saalfeld: Ich war diesmal nur Begleitlehrerin mit weniger Verantwortung, aber einer Schülerin wurde das Portemonnaie mit 200 Euro aus der Handtasche gestohlen.

Wie haben Ihre Kollegen damals vor zwei Jahren reagiert?
Frau Berger-Saalfeld: Das Kollegium war gespalten, ein Teil war auf meiner Seite, es gab aber auch die Tendenz des anderen Teils, die Hauptschuld bei mir und meinem Verhalten zu sehen.

Warum haben sie das Urteil akzeptiert und nicht Berufung eingelegt?
Frau Berger-Saalfeld: Das hat mir mein Anwalt auch geraten und ich habe auch lange überlegt, aber ich hatte darauf keine Lust. Das Urteil ging durch die Medien, das wollte ich nicht mehr. Alles steht und fällt meiner Ansicht nach mit dem Begriff der groben Fahrlässigkeit. Wenn sich ein großer Teil des alltäglichen Verhaltens eines Menschen unter juristischen Gesichtspunkten vermeintlich als grob fahrlässig herausstellt und damit einen Haftungsausschluss nach sich zieht, hat der Begriff für mich seine eigentliche Bedeutung verloren. Wenn ich zum Beispiel Schülergeld in einem Restaurant am Tisch liegen lasse und auf Toilette gehe, mag das grob fahrlässig sein, aber ein Portemonnaie in einem mit einem verdeckten Reißverschluss verschlossenen Rucksack am Körper zu tragen, kann niemals grob fahrlässig sein.

Letztlich sind auf dem Schaden sitzen geblieben?
Frau Berger-Saalfeld: Einige meiner Kollegen haben für mich gesammelt, außerdem war die Fahrt nach Stockholm doch etwas günstiger als geplant, so dass die Eltern auf eine Rücküberweisung verzichtet haben. Die Gerichtskosten hat zum Glück meine Rechtsschutzversicherung übernommen, aber etwa 400 Euro musste ich dann noch aus eigener Tasche bezahlen.

Zur falschen Zeit am falschen Ort?

Pressesprecherin der ADD. Foto: ADD

Eveline Dziendziol, Pessesprecherin der ADD.                                          Foto: ADD

Frau Dziendziol, kommen solche Diebstahlfälle auf Klassenfahrten eigentlich öfter vor?
Dziendziol: Nein, aber es kann durchaus passieren. Man muss im Blick haben, dass 44.000 Lehrerinnen und Lehrer an 1200 Schulen in Rheinland-Pfalz tätig und auch logischerweise mit viel Geld unterwegs sind. Es können immer Dinge passieren, mit denen man nicht rechnet.

Die Lehrerin fühlt sich von Ihrem Arbeitgeber alleine gelassen. Können Sie das nachvollziehen?
Dziendziol: Persönlich ja, es ist bedauerlich, dass sie den finanziellen Verlust tragen muss. Wir können aber nur im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten reagieren. Die Einzelfallprüfung hat ergeben, dass man der Lehrerin grobe Fahrlässigkeit vorwerfen muss. Unsere Einschätzung wurde vom Gericht ja auch bestätigt.

Die betroffene Deutschlehrerin kritisiert, dass sich am Ende keiner bei Ihr gemeldet hat.
Dziendziol: Das kommt natürlich stark auf die Persönlichkeit des jeweiligen Kollegen an. Ich könnte mir vorstellen, dass es einige auch als Hohn empfänden, wenn die Schadensregulierungsstelle der ADD nach einem Prozess noch den persönlichen Kontakt suchen würde.

Haben Sie nicht eher einen Präzedenzfall gefürchtet, falls Sie gezahlt hätten, wenn auch nur aus einer Art von Kulanz heraus?
Dziendziol: So etwas wie Kulanz können wir nur gewähren, wenn es das Gesetz vorsieht. Hier war das nicht der Fall und gesetzliche Vorgaben, auch wenn sie kleinlich erscheinen, gelten für alle gleich.

Bei einem Diebstahl einer Geldbörse aus einem verschlossenen Rucksack fällt es mir schwer, das mit grober Fahrlässigkeit in Verbindung zu bringen!?
Dziendziol: Wenn auf einem öffentlichen Platz in einer europäischen Hauptstadt mit viel Geld hantiert wird, kann so ein Diebstahl immer passieren. Vielleicht war die Klasse nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Selbst wenn wir gewollt hätten, konnten wir unserer Mitarbeiterin nicht entgegenkommen.

Wenn ein solcher Diebstahl immer passieren kann, dann läuft das der Definition von grober Fahrlässigkeit doch zuwider, weil bei der groben Fahrlässigkeit eine besonders schwere Verletzung der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt vorhanden sein muss!?
Dziendziol: Ich war nicht dabei. Letztlich kann immer überall alles passieren, aber in einer Hauptstadt mit diesen Summen offen umzugehen und später bestohlen zu werden bedeutet ja, dass man einen Dieb auf sich aufmerksam gemacht hat. Es gab eine Einzelfallbeurteilung, das Gericht hat unsere Sicht bestätigt.

Sie sagen, die ADD kann nicht einfach so den entstandenen Schaden von etwa 1100 Euro übernehmen und argumentieren auch mit dem sorgsamen Umgang von Steuergeldern. Auf der anderen Seite werden Millionen von Steuergeldern am Nürburgring oder am Flughafen Zweibrücken verschwendet.
Dziendziol: Wir sind Verwaltung, wir gestalten oder agieren nicht. Verwaltung kann nur im Rahmen der Gesetze arbeiten. Beim Nürburgring ging es zum Beispiel um politische Gestaltung. Das sind zwei unterschiedliche Dinge, die für Außenstehende vielleicht zusammen gesehen werden.

Wieso hat die ADD bei vielen ihrer Lehrer nicht den besten Ruf?
Dziendziol: Es gibt sicherlich gerade bei so vielen Lehrern, die wir beschäftigen, einige Einzelschicksale, die mit ihrer Situation nicht zufrieden sind oder einen ganz subjektiven Blick auf Vieles haben und dieses entsprechend auch äußern. Wo viele Menschen beschäftigt sind, gibt es immer bestimmte Probleme, da existieren immer auch viele Meinungen, das hat nichts spezifisch mit der ADD zu tun, das gibt es auch in der Privatwirtschaft. Wir zwingen niemanden bei uns zu arbeiten. Es steht jedem frei zu kündigen, einen neuen Job zu suchen oder das Bundesland zu wechseln.

Eveline Dziendziol ist Pressesprecherin bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier.

 

Das Land muss sich seiner Verantwortung stellen

Sabine Weiland von der GEW. Foto: GEW-Rheinland-Pfalz

Sabine Weiland von der GEW.                                Foto: GEW-Rheinland-Pfalz

Sabine Weiland, stellvertretende Landesvorsitzende der GEW Rheinland-Pfalz, weist auf die positiven Auswirkungen von Klassenfahrten für die Schülerinnen und Schüler hin. Sie stärkten den Klassenzusammenhalt und förderten das soziale Leben fernab der Schule. Für die Lehrer sei so eine Fahrt allerdings eine stressige und verantwortungsvolle Aufgabe und es sei nur allzu menschlich, dass man in solchen Drucksituationen natürlich auch Fehler mache. Bedauerlich sei es, dass man nach einem solchen Fehler anscheinend alleine dastehe und man vom Land nicht ausreichend unterstützt werde.
Eine Versicherung des Landes, die in diesen Fällen einspringen und den Schaden regulieren könnte, gebe es schlicht nicht. „Wir fordern, dass das Land als Arbeitgeber sich seiner Verantwortung stellt und Lehrkräfte, die eine Klassenfahrt unternehmen, im Hinblick auf Schadensfälle unterstützt“, sagte Weiland.

Interview mit zwei Lehrern, kurz vor ihrem Ruhestand

Zwei erfahrene Pädagogen des Hannah-Arendt-Gymnasiums in Hassloch gehen in den Ruhestand. Sie haben Tausende von Kindern unterrichtet. Ein kurzes Resümee nach jeweils über 30 Jahren pädagogischer Arbeit.

VON DIRK KUNZ

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Mehr Zeit fürs Profane

Frau Hirtz, mögen Sie böse Kinder?
Brigitte Hirtz: Ja, ich hatte einmal einen Schüler mit einem sehr schwierigen familiären Hintergrund, der die ganze Zeit störte und der hat mich das Gleiche gefragt und auch ihm gegenüber habe ich das bejaht und das hat ihn beeindruckt und immer, wenn er mich sah, dann strahlte er. Meine Antwort hatte einen großen Effekt auf ihn. Ich mag Kinder, das ist eine Grundvoraussetzung für den Lehrerberuf.
Es ist Ihre letzte Woche als Lehrerin, über 35 Jahre haben sie unterrichtet. Überwiegt Wehmut oder Erleichterung?
Brigitte Hirtz: Da ich Probleme mit dem Hören habe und sich daraus viel Stress entwickelt hat, bin ich jetzt eher erleichtert. Die Hörprobleme haben immer stärker meinen Unterricht negativ beeinflusst.
Können Sie sich noch an Ihre ersten Jahre als Lehrerin erinnern?
Brigitte Hirtz: Ja, klar, 1970 habe ich angefangen zu studieren. Gegen Ende der 70-er Jahre habe ich dann unterrichtet. Damals überwogen die autoritären Lehrer und wir Junglehrerinnen damals, wir profitierten natürlich auch von diesem Gegensatz, wir waren unverbraucht und unvoreingenommen. Aber das ist heute vielleicht gar nicht so anders, auch sind die jungen Lehrer näher dran an den Schülern. Im Laufe der Zeit hatte ich eher das Gefühl, wieder etwas strenger werden zu müssen. Mit den Jahren waren die Schüler die weniger autoritären Lehrer gewöhnt, die Elternhäuser wurden liberaler, die Umgangsformen wurden immer laxer, das habe ich besonders gemerkt, als ich nach sieben Jahren Kinderpause wieder unterrichtet habe und dann quasi als Gegenbewegung wieder mehr Autorität eingefordert habe.
Wie hat sich der Job als Lehrer verändert?
Brigitte Hirtz: Als ich zu unterrichten anfing, drehte sich noch nicht alles so um den Konsum und die Schüler früher neigten eher dazu Vieles zu problematisieren. Außerdem nehme ich die Schüler heute eher als unpolitisch wahr. Das muss auch nicht unbedingt negativ sein, vielleicht fehlen einfach die scharfen gesellschaftlichen Konflikte.
Würden Sie heute wieder Lehrerin werden wollen?
Brigitte Hirtz: Ich finde es nach wie vor interessant, mit Kindern zu arbeiten. Vielleicht war ich aber auch teilweise zu gutmütig. Ich hätte ruhig etwas härter sein können. Ich glaube schon über eine gewisse soziale Kompetenz zu verfügen. Ich wollte den Schülern immer etwas vermitteln und in den Lehrerberuf fließt viel von der eigenen Persönlichkeit mit ein.
Haben Sie mitbekommen, was aus Ihren Schülern geworden ist?
Brigitte Hirtz: Ja, obwohl durch meinen Umzug von Hannover in die Pfalz natürlich auch Kontakte verloren gegangen sind. Mit einer Schülerin, die Probleme zu Hause hatte, hatte ich noch sehr lange Kontakt. Sie hat mich zu sich nach Hause eingeladen, hat meinen Kindern Klavier vorgespielt.
Haben Sie sich schon für Ihren Ruhestand etwas vorgenommen?
Brigitte Hirtz: Ich habe keine Pläne, ich will Zeit haben für die kleinen Dinge des Lebens. Auch wenn sich das profan anhört. Bis jetzt hatte ich einfach nicht die Zeit, viel zu lesen, in Ruhe zu kochen, neue Rezepte auszuprobieren, den Schrank aufzuräumen, mehr Zeit zu haben für meine Kinder. Ich bin jetzt weniger der Typ, der Weltreisen unternimmt.

Brigitte Hirtz, 62 Jahre, Oberstudienrätin, hat in Hannover und Hassloch Geschichte und Französisch unterrichtet. In dieser Woche geht sie in Pension.

 

Bildung benötigt Geld

Herr Fleck, bitte ergänzen Sie: Der Atlas ist…
Bernhard Fleck: …die Bibel des Geografen!
Wie ist´s denn um die geografischen Kenntnisse der Schüler bestellt?
Bernhard Fleck: Da liegt einiges im Argen, kann ich jedenfalls aus meiner langjährigen Erfahrung sagen. Das ist gar nicht mal so sehr die Schuld der Schüler als vielmehr die des Lehrplans, oft geht es gar nicht mehr um die Vermittlung von Grundlegendem, oft geht es nur noch um punktuelles Lernen.
Das heißt früher waren die Schüler gar nicht besser?
Bernhard Fleck: Sie waren anders. Ich nehme es so wahr, dass die Fähigkeit zuzuhören und sich zu konzentrieren abgenommen hat. Das hängt wahrscheinlich an dem vielfältigen Medienangebot. Das sollte von den Eltern auch kritischer begleitet werden. Die Schule, die Lehrer haben in der Öffentlichkeit nicht mehr die Wertigkeit wie früher.
Die Schüler haben sich geändert und wie ist es mit den Lehrern?
Bernhard Fleck: Die Belastung ist gestiegen, wir werden von der Politik oft alleine gelassen und schon das führt zu Mehrbelastungen. Da geht es gar nicht so sehr um die Unterrichtsbelastung, sondern um die unendlich vielen Dinge, die der Lehrer „nebenher“ erledigen muss: Fahrten organisieren, Geld einsammeln, überschüssiges Geld wieder ausbezahlen, Einverständnis-Erklärungen formulieren, austeilen, wieder einsammeln, usw. Und dann heißt es in der Öffentlichkeit: So ein Ausflug mit Schülern ist doch ganz lustig. So eine Exkursion ist anstrengend, eine stressige und eine verantwortungsvolle Aufgabe. Diese Woche habe ich noch so eine Fahrt für Schüler organisiert. 6.30 Uhr morgens war Abfahrt, drei Schüler fehlten. Als sie schließlich eintrafen, bestiegen sie den Bus ohne zu grüßen oder sich zu entschuldigen. So etwas macht mich sauer!
Das hat sie also erzürnt, worüber haben Sich in den letzten Jahren noch so geärgert?
Bernhard Fleck: Die Bildungspolitik und die permanenten Veränderungen. Die großen Klassen, die Schüler und Lehrer belasten!
Und an was denken Sie gerne zurück?
Bernhard Fleck: Ach, wenn ich an meinen ersten Leistungskurs denke. Jeden Monat haben wir uns getroffen und Ausflüge gemacht. Und auch heute gibt es noch Schüler mit herausragenden Leistungen und Fähigkeiten. Einer hat mich mal etwas poetisch „als Rose im Garten des Lehrergestrüpps bezeichnet“. Das fand ich nett. Oder wenn sich Eltern am Ende einer Studienfahrt bei mir für die Betreuung bedankt haben. Was aber die absolute Ausnahme ist.
Und wenn Sie Bildungsminister wären, was würden Sie verändern?
Bernhard Fleck: Wir brauchen mehr Geld und damit verbunden mehr Lehrer. Momentan geht es aber nur ums Sparen. Und auf der anderen Seite werden in Rheinland-Pfalz Millionen an Steuergeldern zum Fenster raus geworfen. Denken Sie an die Insolvenz des Flughafens Zweibrücken oder an die Affäre um den Nürburgring. Ich bin da pessimistisch und sehe schwarz für unser Bildungssystem.
Jetzt sind sie Pensionär! Was machen Sie mit so viel freier Zeit?
Bernhard Fleck: Ich konnte mich ja darauf einstellen. Ich habe die Kalligrafie als Hobby, fotografiere und singe gerne, außerdem möchte ich mich ehrenamtlich engagieren.
Als Geograf haben Sie doch bestimmt schon einige Reisen geplant?
Bernhard Fleck: Meine Frau ist auch Lehrerin und geht erst im nächsten Jahr in Pension, da sind wir also immer noch etwas auf die Ferien festgelegt. In meinen ersten Sommerferien als Pensionär geht es erst einmal nach Kanada!

Bernhard Fleck, 63 Jahre, Gymnasiallehrer für Erdkunde und Sport aus Dudenhofen, geht nach über 30 Jahren jetzt in Pension.

Alte Räder für eine bessere Welt

Alte Räder für eine bessere Welt 1

Wolfgang Mrosek betreibt in Berlin einen Fahrradladen, er verkauft Fahrräder zum Selbstkostenpreis.           Foto: Kunz

Alte Räder für eine bessere Welt

VON DIRK KUNZ

BERLIN ■ Der junge Mann hält hilflos ein Hinterrad mit seiner rechten Hand hoch und was er möchte, ist eigentlich nichts Unverschämtes, er will dafür natürlich zahlen, doch er kann nicht einmal nach dem Preis für sein Gesuch erfragen.
“When you want to drive a fixed gear, you are at the wrong shop”, kanzelt Wolfgang Mrosek den Kunden ab. Der ist sich keiner Schuld bewusst. Wahrscheinlich möchte er nur so ein cooles Eingangrad, ein sogenanntes Fixie, mit starrer Nabe, ohne Freilauf und Bremsen, dessen Fahrt nur durch Gegendruck mittels Beinmuskulatur verlangsamt werden kann.
“Wir brauchen darüber gar nicht zu diskutieren”, legt Mrosek nach und das ist sein Lieblingssatz und  eigentlich ein Befehl.

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