Alte Räder für eine bessere Welt

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Wolfgang Mrosek betreibt in Berlin einen Fahrradladen, er verkauft Fahrräder zum Selbstkostenpreis.           Foto: Kunz

Alte Räder für eine bessere Welt

VON DIRK KUNZ

BERLIN ■ Der junge Mann hält hilflos ein Hinterrad mit seiner rechten Hand hoch und was er möchte, ist eigentlich nichts Unverschämtes, er will dafür natürlich zahlen, doch er kann nicht einmal nach dem Preis für sein Gesuch erfragen.
“When you want to drive a fixed gear, you are at the wrong shop”, kanzelt Wolfgang Mrosek den Kunden ab. Der ist sich keiner Schuld bewusst. Wahrscheinlich möchte er nur so ein cooles Eingangrad, ein sogenanntes Fixie, mit starrer Nabe, ohne Freilauf und Bremsen, dessen Fahrt nur durch Gegendruck mittels Beinmuskulatur verlangsamt werden kann.
“Wir brauchen darüber gar nicht zu diskutieren”, legt Mrosek nach und das ist sein Lieblingssatz und  eigentlich ein Befehl.

Chauvi oder Pain in the ass?

Während der junge Mann sich noch bei einem Bekannten über dieses “fu***ng a***ole” beschwert, ist der 50-Jährige schon bei dem nächsten Kunden: Ein blasses, rothaariges Mädchen, das sein Rad abholen möchte. Mrosek ist freundlich, handzahm und flirtet, er fachsimpelt mit der Kundin über sprachliche Parallelen von Afrikaans und Holländisch
“Ich schlafe wie Dein Fahrrad – Die ganze Nacht auf dem Ständer!” Die Frau verdreht die Augen und lächelt etwas: “Jetzt wird es aber Zeit, dass ich gehe.”

Bewegte Vergangenheit

Früher war Mrosek Automechaniker und im jetzt-Interview steht, er sei Multimillionär gewesen. “Das Geld regnete damals vom Himmel” und er streckt dabei beide Arme in die Höhe, es sei nicht völlig abwegig, dass es damals um Dienstleistungen ging, die im weitesten Sinne etwas mit dem Betäubungsmittelgesetz zu tun hatten. Geld hatte er damals genug und gute Beziehungen auch und so soll er (nach eigenen Angaben) eine  Etappe der Tour de France inkognito mitgefahren sein (im jetzt-Interview spricht er von zwei Rennen).
Ich bin äußerst skeptisch und die Netzgemeinschaft auch, es gibt keine Beweise für seine Teilnahme an dem härtesten Rennen der Welt. Als ich meine Skepsis äußere, mustert er mich, zieht genüsslich an seiner Zigarette und sagt: “Du mit Deinen Spargelbeinen kannst da nicht mitfahren. Du brauchst die richtigen Beine!”
Er drückt mir ein altes gerahmtes Bild aus seinem heruntergekommenen Laden in die Hand: Da sitzt ein junger Mann mit schulterlangem, blonden Haaren und gelangweiltem Blick im Zugabteil, seine Beine radprofitypisch definiert, in eine schwarz-neonfarbene Radhose gepresst, wie man sie in den 80-er Jahren trug, die Arme streichholzdünn, die Beine baumstammstark und tief gebräunt. Acht Stunden habe er damals täglich auf dem Rad gesessen und trotzdem fällt es mehr als schwer seinen Aussagen Glauben zu schenken. Der Unterschied zwischen einem Tour-de-France-Profi und einem Hobbyradsportler ist wie der eines hochgezüchteten Formel 1-Boliden und dem Steinzeitauto von Fred Feuerstein. Aber es ist nicht vollkommen auszuschließen. Das “Profi-Rad” von damals hängt jedenfalls noch in seinem Laden.

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In seinem Geschäft hängt ein vergilbter Zettel: Fietswinkel hat kein Platz. Wer sein Rad nicht am vereinbarten Tag abholt, spendet es nach sieben Tagen dem Laden.                                       Foto: Kunz

 

Räder zum Selbstkostenpreis

Heute bereitet Wolfgang Mrosek alte Fahrräder auf und verkauft sie ohne Gewinnaufschlag. Für ihn ist es wichtig, alte Sachen am Leben zu halten, damit zukünftige Generationen noch in einer intakten Umwelt aufwachsen können. In dem Selbstkostenpreis sei der Arbeitslohn, aber auch Kosten für Miete, Wasser oder Strom enthalten. Einen Computer sucht man vergeblich, auch ein Telefon gibt es im Laden nicht, so hält Wolfgang Mrosek seine Kosten gering.
Angefangen hat alles, als er vor ein paar Jahren Vater wurde. Sein Sohn brauchte Spielsachen. Der Nachbar besaß Schrotträder, Mrosek bereitete sie auf, verkaufte sie, und von dem eingenommenen Geld kaufte er seinem Sohn Dinge zum Spielen. Die Leute im Kiez wollten auch so ein aufbereitetes Schrottrad, und Mrosek kam irgendwann auf die Idee, dass man sich damit selbständig machen kann. Heute rufen ihn die Hausverwaltungen an, wenn sie mal wieder die Höfe von alten Rädern befreien wollen.

Fixies bringen Kinder um

Mrosek selbst fährt ein Rad mit Körbchen am Lenker und Anhängerkupplung, von “Carbon-Möhren”, die nur unwesentlich leichter sind als die guten alten Stahlrahmen, hält er nichts, auch nicht von Fixies, die er als “Schwanzverlängerung” bezeichnet. Das musste ja auch der trendige Hipster vom Anfang der Geschichte erfahren. “Die Räder bringen Kinder um.” Er beruft sich dabei auf einen Unfall in Berlin, bei dem ein siebenjähriges Kind gestorben sein soll, weil der Radfahrer sein Fixie nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte. “Wenn ich im Straßenverkehr eines sehe, bringe ich es zu Fall und lasse es durch die Polizei beschlagnahmen.”

Das soll Mroseks Profi-Rad  aus den 80-er Jahren sein, mit dem er über eine Million Kilometer zurückgelegt hat und inkognito eine Tour de France-Etappe mitgefahren sein soll.

Das soll Mroseks Profi-Rad aus den 80-er Jahren sein, mit dem er über eine Million Kilometer zurückgelegt hat und inkognito eine Tour de France-Etappe mitgefahren sein soll.                                                                                    Foto:Kunz

 

NACHWORT

DirkKunzGelesen habe ich von Wolfgang Mrosek, den Besitzer des Fahrradladens in Berlin, zum ersten Mal in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung und deren Online-Magazin jetzt. Im Netz kursiert noch ein drei minütiger Videobeitrag  und die Kommentare sind vielfältig: Münchhausen, Verrückter, Geschichtenerzähler, nicht blöd, aber unsympathisch, Aufschneider, Gutmensch, usw.
Dem entsprach auch mein erstes Treffen mit ihm, ich war kürzlich in Berlin und nutzte die Gelegenheit ihn in seinem Laden Fietswinkel (Holländisch: Fahrradladen) in Berlin-Neukölln zu besuchen. Zunächst gab er mir zu verstehen, dass ich störe und eigentlich nur im Weg stehe, er ließ sich aber dann doch befragen und gestatte mir, mit seinem 25 Jahre alten Pinarello-Rad, auf dem er nach eigenen Angaben eine Million Kilometer zurückgelegt hatte, Probe zu fahren, allerdings mit der Androhung von körperlichen Schmerzen, wenn ich nicht zurückkäme. Das mit den Spargelbeinen allerdings nehme ich ihm übel, das hat geschmerzt. Ich würde mich als absoluten Hobbyfahrer bezeichnen und jedes elitäre Pseudo-Profigehabe ist mir zuwider. Aber ich fahre seit über 20 Jahren Rad und im Jahr etwa 10.000 Kilometer, davon bekommt man trainierte aber keine Spargel-Beine.                                          


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