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Interview mit zwei Lehrern, kurz vor ihrem Ruhestand

Zwei erfahrene Pädagogen des Hannah-Arendt-Gymnasiums in Hassloch gehen in den Ruhestand. Sie haben Tausende von Kindern unterrichtet. Ein kurzes Resümee nach jeweils über 30 Jahren pädagogischer Arbeit.

VON DIRK KUNZ

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Mehr Zeit fürs Profane

Frau Hirtz, mögen Sie böse Kinder?
Brigitte Hirtz: Ja, ich hatte einmal einen Schüler mit einem sehr schwierigen familiären Hintergrund, der die ganze Zeit störte und der hat mich das Gleiche gefragt und auch ihm gegenüber habe ich das bejaht und das hat ihn beeindruckt und immer, wenn er mich sah, dann strahlte er. Meine Antwort hatte einen großen Effekt auf ihn. Ich mag Kinder, das ist eine Grundvoraussetzung für den Lehrerberuf.
Es ist Ihre letzte Woche als Lehrerin, über 35 Jahre haben sie unterrichtet. Überwiegt Wehmut oder Erleichterung?
Brigitte Hirtz: Da ich Probleme mit dem Hören habe und sich daraus viel Stress entwickelt hat, bin ich jetzt eher erleichtert. Die Hörprobleme haben immer stärker meinen Unterricht negativ beeinflusst.
Können Sie sich noch an Ihre ersten Jahre als Lehrerin erinnern?
Brigitte Hirtz: Ja, klar, 1970 habe ich angefangen zu studieren. Gegen Ende der 70-er Jahre habe ich dann unterrichtet. Damals überwogen die autoritären Lehrer und wir Junglehrerinnen damals, wir profitierten natürlich auch von diesem Gegensatz, wir waren unverbraucht und unvoreingenommen. Aber das ist heute vielleicht gar nicht so anders, auch sind die jungen Lehrer näher dran an den Schülern. Im Laufe der Zeit hatte ich eher das Gefühl, wieder etwas strenger werden zu müssen. Mit den Jahren waren die Schüler die weniger autoritären Lehrer gewöhnt, die Elternhäuser wurden liberaler, die Umgangsformen wurden immer laxer, das habe ich besonders gemerkt, als ich nach sieben Jahren Kinderpause wieder unterrichtet habe und dann quasi als Gegenbewegung wieder mehr Autorität eingefordert habe.
Wie hat sich der Job als Lehrer verändert?
Brigitte Hirtz: Als ich zu unterrichten anfing, drehte sich noch nicht alles so um den Konsum und die Schüler früher neigten eher dazu Vieles zu problematisieren. Außerdem nehme ich die Schüler heute eher als unpolitisch wahr. Das muss auch nicht unbedingt negativ sein, vielleicht fehlen einfach die scharfen gesellschaftlichen Konflikte.
Würden Sie heute wieder Lehrerin werden wollen?
Brigitte Hirtz: Ich finde es nach wie vor interessant, mit Kindern zu arbeiten. Vielleicht war ich aber auch teilweise zu gutmütig. Ich hätte ruhig etwas härter sein können. Ich glaube schon über eine gewisse soziale Kompetenz zu verfügen. Ich wollte den Schülern immer etwas vermitteln und in den Lehrerberuf fließt viel von der eigenen Persönlichkeit mit ein.
Haben Sie mitbekommen, was aus Ihren Schülern geworden ist?
Brigitte Hirtz: Ja, obwohl durch meinen Umzug von Hannover in die Pfalz natürlich auch Kontakte verloren gegangen sind. Mit einer Schülerin, die Probleme zu Hause hatte, hatte ich noch sehr lange Kontakt. Sie hat mich zu sich nach Hause eingeladen, hat meinen Kindern Klavier vorgespielt.
Haben Sie sich schon für Ihren Ruhestand etwas vorgenommen?
Brigitte Hirtz: Ich habe keine Pläne, ich will Zeit haben für die kleinen Dinge des Lebens. Auch wenn sich das profan anhört. Bis jetzt hatte ich einfach nicht die Zeit, viel zu lesen, in Ruhe zu kochen, neue Rezepte auszuprobieren, den Schrank aufzuräumen, mehr Zeit zu haben für meine Kinder. Ich bin jetzt weniger der Typ, der Weltreisen unternimmt.

Brigitte Hirtz, 62 Jahre, Oberstudienrätin, hat in Hannover und Hassloch Geschichte und Französisch unterrichtet. In dieser Woche geht sie in Pension.

 

Bildung benötigt Geld

Herr Fleck, bitte ergänzen Sie: Der Atlas ist…
Bernhard Fleck: …die Bibel des Geografen!
Wie ist´s denn um die geografischen Kenntnisse der Schüler bestellt?
Bernhard Fleck: Da liegt einiges im Argen, kann ich jedenfalls aus meiner langjährigen Erfahrung sagen. Das ist gar nicht mal so sehr die Schuld der Schüler als vielmehr die des Lehrplans, oft geht es gar nicht mehr um die Vermittlung von Grundlegendem, oft geht es nur noch um punktuelles Lernen.
Das heißt früher waren die Schüler gar nicht besser?
Bernhard Fleck: Sie waren anders. Ich nehme es so wahr, dass die Fähigkeit zuzuhören und sich zu konzentrieren abgenommen hat. Das hängt wahrscheinlich an dem vielfältigen Medienangebot. Das sollte von den Eltern auch kritischer begleitet werden. Die Schule, die Lehrer haben in der Öffentlichkeit nicht mehr die Wertigkeit wie früher.
Die Schüler haben sich geändert und wie ist es mit den Lehrern?
Bernhard Fleck: Die Belastung ist gestiegen, wir werden von der Politik oft alleine gelassen und schon das führt zu Mehrbelastungen. Da geht es gar nicht so sehr um die Unterrichtsbelastung, sondern um die unendlich vielen Dinge, die der Lehrer „nebenher“ erledigen muss: Fahrten organisieren, Geld einsammeln, überschüssiges Geld wieder ausbezahlen, Einverständnis-Erklärungen formulieren, austeilen, wieder einsammeln, usw. Und dann heißt es in der Öffentlichkeit: So ein Ausflug mit Schülern ist doch ganz lustig. So eine Exkursion ist anstrengend, eine stressige und eine verantwortungsvolle Aufgabe. Diese Woche habe ich noch so eine Fahrt für Schüler organisiert. 6.30 Uhr morgens war Abfahrt, drei Schüler fehlten. Als sie schließlich eintrafen, bestiegen sie den Bus ohne zu grüßen oder sich zu entschuldigen. So etwas macht mich sauer!
Das hat sie also erzürnt, worüber haben Sich in den letzten Jahren noch so geärgert?
Bernhard Fleck: Die Bildungspolitik und die permanenten Veränderungen. Die großen Klassen, die Schüler und Lehrer belasten!
Und an was denken Sie gerne zurück?
Bernhard Fleck: Ach, wenn ich an meinen ersten Leistungskurs denke. Jeden Monat haben wir uns getroffen und Ausflüge gemacht. Und auch heute gibt es noch Schüler mit herausragenden Leistungen und Fähigkeiten. Einer hat mich mal etwas poetisch „als Rose im Garten des Lehrergestrüpps bezeichnet“. Das fand ich nett. Oder wenn sich Eltern am Ende einer Studienfahrt bei mir für die Betreuung bedankt haben. Was aber die absolute Ausnahme ist.
Und wenn Sie Bildungsminister wären, was würden Sie verändern?
Bernhard Fleck: Wir brauchen mehr Geld und damit verbunden mehr Lehrer. Momentan geht es aber nur ums Sparen. Und auf der anderen Seite werden in Rheinland-Pfalz Millionen an Steuergeldern zum Fenster raus geworfen. Denken Sie an die Insolvenz des Flughafens Zweibrücken oder an die Affäre um den Nürburgring. Ich bin da pessimistisch und sehe schwarz für unser Bildungssystem.
Jetzt sind sie Pensionär! Was machen Sie mit so viel freier Zeit?
Bernhard Fleck: Ich konnte mich ja darauf einstellen. Ich habe die Kalligrafie als Hobby, fotografiere und singe gerne, außerdem möchte ich mich ehrenamtlich engagieren.
Als Geograf haben Sie doch bestimmt schon einige Reisen geplant?
Bernhard Fleck: Meine Frau ist auch Lehrerin und geht erst im nächsten Jahr in Pension, da sind wir also immer noch etwas auf die Ferien festgelegt. In meinen ersten Sommerferien als Pensionär geht es erst einmal nach Kanada!

Bernhard Fleck, 63 Jahre, Gymnasiallehrer für Erdkunde und Sport aus Dudenhofen, geht nach über 30 Jahren jetzt in Pension.