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Der Abgehängte

Der Abgehängte

VON DIRK KUNZ

Heinrich Trumheller mit dem Deutschen Meistertrikot der Straßenfahrer aus dem Jahr 1992 vor seinem Lebensmittelgeschäft in Nürnberg. Foto: KUNZ

Heinrich Trumheller mit dem Deutschen Meistertrikot der Straßenfahrer aus dem Jahr 1992 vor seinem Lebensmittelgeschäft in Nürnberg.                                                                                                                                             Foto: KUNZ

NÜRNBERG Heinrich Trumheller, 42 Jahre, ehemaliger Profi-Radrennfahrer, spricht wenig und nimmt sich viel Zeit zwischen den Worten. Er redet leise und man hört auch nach über 20 Jahren in Deutschland, dass seine Muttersprache Russisch ist. Er erinnert sich an seine Anfänge als Sportler in der UdSSR. Er ging nicht ins Sport-Internat, wie so viele andere Talente. Sein Vater hat ihn zu Hause trainiert. Zu Hause, das war Naltschick, eine Großstadt im Nordkaukasus. Peter Trumheller wollte, dass sein Sohn eine ordentliche Ausbildung macht und regelmäßig die Schule besucht. In den Internaten zu Sowjet-Zeiten sei aber zu viel trainiert und zu wenig gelernt worden.
Nachmittags fuhr er dann mit seinem Vater regelmäßig zwei bis drei Stunden Rad. Montag und Donnerstag hatte er frei. 13.000 Kilometer als Elfjähriger, ein Jahr später schon gut 18.000 Kilometer und alles auf einem Rad mit Diamant-Rahmen aus DDR-Produktion: „Sehr groß, sehr schwer, aber viel besser als alles, was es in der UdSSR gab“, sagt Trumheller
Insgesamt sei in Russland härter trainiert worden, alles war professioneller organisiert und die Leistungsdichte der Fahrer sei beeindruckend gewesen.

Mit Vorsprung in den Westen

Und mit diesem Vorsprung kam er Mitte 1990 nach Deutschland. Sein Vater, selbst in der UdSSR erfolgreich in der russischen Nationalmannschaft gefahren, ist Wolga-Deutscher und zog mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen Harry und Heinrich nach Donaueschingen, weil die Familie dort Verwandte hatte. Freunde und Verwandte blieben zurück, das war für den älteren Bruder Heinrich schwierig, sportlich allerdings sei der Wechsel kein Problem gewesen. Trumheller gewann 1991 die Slowakei-Rundfahrt und auch das Traditionsrennen Köln-Schuld-Frechen. Ein Jahr später als Profi bei dem schweizer Helvetia-Team, belegte er bei der Tour de Suisse den sechsten Platz, nur 29 Sekunden hinter seinem großen Vorbild Greg LeMond, der damals Dritter wurde. Nur knapp verpasste er auf der siebten Etappe einen Sieg und musste sich in einem schweren Finale aufgrund eines taktischen Fehlers nur Sean Kelly geschlagen geben. Mit dieser bestechenden Form kam er zur Deutschen Meisterschaft am Sachsenring. Das Wetter war heiß, das kam ihm entgegen. So wurde er 1992 Deutscher Straßenmeister der Berufsradrennfahrer.

Frostige Franzosen

Als sein Team sich Ende des Jahres auflöste, hatte er die freie Wahl, es gab viele Angebote. Er ging zum französischen Castorama-Rennstall. Im Nachhinein wahrscheinlich nicht die richtige Entscheidung: „In Italien hätte ich mich wohl besser entwickeln können.“
Erst jetzt merkte er, was er verloren hatte: Das Helvetia Team sei taktisch und organisatorisch sehr gut aufgestellt und es war für ihn schon eine Art Ersatzfamilie.

Die Trainerlegende Paul Köchli, damals der sportliche Leiter von Helvetia, war stets darauf bedacht, den einzelnen Rennfahrer in eine Situation zu bringen, in der dieser sich optimal entfalten konnte und versuchte so, die natürliche Entwicklung des Fahrers zu optimieren. Bei Castorama fuhr jeder für sich, frostig sei das Klima bei den Franzosen gewesen. Das sei nicht zuletzt die Schuld von Cyrille Guimard, dem sportlichen Leiter, der diese egoistische Fahrweise auch noch forcierte und auf Trumheller oft gleichgültig und unmotiviert wirkte.
Nach zwei Jahren wechselte er 1995 zum Team Telekom und neben ihm verpflichtete der deutsche Rennstall auch noch Jan Ullrich, Amateurweltmeister von 1993. Der sei in seinem ersten Jahr genauso oft bei den Rennen abgehängt worden wie Trumheller selbst. Aber 1996 wurde Ullrich schon Zweiter bei der Tour de France und ein Jahr später gewinnt er überlegen das wichtigste und schwerste Radrennen der Welt, da fährt Trumheller schon im zweitklassigen Team Schauff – Öschelbronn.

Armstrong abgehängt und dann kamen die Aliens

Er hat 1989 bei der der Juniorenweltmeisterschaft in Moskau Lance Armstrong abgehängt, vier Jahre später wurde der Amerikaner Weltmeister der Elite-Fahrer in Oslo. Zum Ende von Trumhellers Karriere begann der Texaner die Frankreichrundfahrt siebenmal zu gewinnen. Ullrich und Armstrong, das seien schon große Talente gewesen, komplette Rennfahrer. Genau wie Trumheller!
„Ich habe noch ein oder zwei Jahre in der guten alten Zeit fahren können“, sagt er etwas wehmütig. Da wurden bei den Profis die ersten 80 Kilometer eines Rennens langsam gefahren und erst dann ging es los.

Was aber dann passierte, lässt ihn noch heute den Kopf schütteln. Er habe gesehen, wie die anderen Fahrer auf einmal fuhren. Wie Motorradfahrer seien die teilweise an ihm vorbei gefahren. Ganze Mannschaften seien gerast als kämen sie von einem anderen Planeten. Trumheller lacht leise, er lacht öfters, wenn er auf die unglaublichen Leistungsunterschiede zu sprechen kommt, es ist ein Lachen, das aus der Resignation gespeist wird. Es sei einfach völlig unmöglich gewesen, da mitzufahren. Ein guter Profi wolle er werden, so hat er es zu Beginn seiner Karriere formuliert. „Das ist mir nicht gelungen, gute Resultate habe ich nicht eingefahren“, sagt er heute selbstkritisch. „Meine größten Erfolge habe ich aber sauber errungen und ich bin lange Zeit nur mit Wasser und Brot gefahren.“
Er habe damals gewusst, wozu er in der Lage sei und dann seien unterdurchschnittliche Fahrer an ihm vorbei geflogen, die er früher nur am Start und beim Duschen gesehen habe oder große, schwere Fahrer hätten ihn am Berg stehen lassen, das sei deprimierend gewesen.
Als er seinem Vater damals die großen Leistungsunterschiede im Fahrerfeld mit Doping erklären wollte, habe der ihm nicht geglaubt „Du trainierst zu wenig!“, habe der gesagt, aber die Unterschiede seien so massiv gewesen, dass man so viel hätte trainieren können, wie man wollte.
In den Jahren 1998/99, am Ende seiner Laufbahn, habe er es dann selbst versucht. Er habe Epo ausprobiert, aber von einem medizinisch begleiteten strukturierten Doping wie bei anderen Fahrern sei er meilenweit entfernt gewesen, ihm hätten die Verbindungen gefehlt. Sein Vater habe ihn zur Fairness und Ehrlichkeit erzogen, aber er sei damals verzweifelt gewesen.
Mit 21 Jahren sah er wie sich sein Zimmerkollege eine Epo-Spritze gesetzt habe. Später tauchte ein anderer Teamkollege, ein Helfer eines mehrmaligen Tour de France Siegers, zum Frühstück und Mittagessen mit jeweils zehn Tabletten auf. Für den sei die öffentliche Einnahme von Dopingmitteln gar kein Problem gewesen.
Der verheiratete Familienvater Trumheller fährt heute nur noch sporadisch Rad, in seiner alten Heimat war er seit zehn Jahren nicht mehr. Gegen seinen Vater, der in diesem Herbst Zeitfahrweltmeister der Senioren über 70 Jahre geworden ist, hat er keine Chance. Er verkauft heute in Nürnberg in seinem Einzelhandelsgeschäft Delikatessen aus Osteuropa. Den Radsport verfolgt er kaum noch, zu seinen ehemaligen Radfahrkollegen hat er keinen Kontakt mehr.

 

NACHWORT

von DIRK KUNZ

DirkKunzHeinrich Trumheller ist schwer zu finden. Selbst in Zeiten des Internets. Es gibt einen Beitrag aus dem Jahr 2001 aus einer Deutsch-Russischen Zeitung, damals führte er noch ein Lebensmittelgeschäft in Nürnberg. Das Geschäft existiert so nicht mehr. Die jetzigen Geschäftsführer kennen den damaligen Marktleiter nicht. Ein paar Jahre später wechselte er zur Konkurrenz, wo er russische Schokolade, ukrainischen Gurken oder polnischen Vodka gegen osteuropäisches Heimweh verkaufte, so steht es in einem Artikel der Regionalzeitung. Aber sein damaliger Chef hat seit drei Jahren keinen Kontakt mehr zu Heinrich Trumheller. Es gibt im Nürnberger Telefonbuch einen (weiblichen) Eintrag mit diesem Nachnamen. Aber es geht niemand ans Telefon. Der Anschluss führt in einem Mehrfamilienhaus. Die anderen Familien kennen den Namen Trumheller nicht, wollen ihn nicht kennen oder legen einfach auf.
Der Vorsitzende eines örtlichen Radsportvereins ist sehr zuvorkommend und will sich in Nürnberg umhören: Die Radsport-Szene hier sei gut vernetzt, ich solle mich gegen Mitte der Woche noch einmal melden. Als ich einige Tage später zurückrufe, bedauert er: Nein, er könne mir auch nicht weiterhelfen, er habe mit einigen erfahrenen Vereinsmitgliedern gesprochen und ja, die kannten seinen Namen, aber mehr auch nicht. Es gebe in Nürnberg aber noch zwei weitere Radsportvereine, ich solle es doch da einmal probieren.
Der Pressesprecher des einen Vereins gibt mir die Nummer eines Besitzers eines Radsportgeschäftes, der beim Team Nürnberger sportlicher Leiter und Geschäftsführer war. Ja, der Heinrich, er sei einmal vor zwei Jahren eingeladen gewesen, zu einer Feier in seinem Lebensmittelgeschäft, aber er habe keine Handy-Nummer von ihm. Bei der Feier sei aber auch Dr. Albert Güßbacher, der ehemalige ärztliche Betreuer der Radnationalmannschaft der Amateure aus Nürnberg dabei gewesen. „Güssi“ wisse vielleicht eher, was Heinrich Trumheller gerade treibe.
Dr. Güßbacher kennt den Ex-Profi seit dieser in Nürnberg wohnt und Trumheller hatte ihn in sein Geschäft zum Schaschlick Essen eingeladen. Er gibt mir drei Handy-Nummern von Trumheller, zwei sind bereits an andere Mobilfunknutzer vergeben und die dritte Nummer existiere nicht. Albert Güßbacher beschreibt Trumheller als einen sehr stillen, zurückhaltenden und bescheidenen Sportler. So ein Mensch habe es schwer sich durchzusetzen.
Er gibt mir auch noch eine Adresse, dort sei er damals zum Essen eingeladen gewesen, aber in der Wettersteinstraße mit dieser Hausnummer ist im Netz kein Geschäft verzeichnet. Ein Anruf in einer Metzgerei, die sich ebenfalls in dieser Straße und Hausnummer befindet, bringt nicht weiter. Nein, sie wüssten nichts von einem anderen Geschäft. Auf E-Bay schließlich werde ich fündig. Da verkauft jemand mit einem anderen Vor- und einem ähnlich klingenden Nachnamen Fahrräder, die Interessenten sich an jener Adresse in der besagten Straße anschauen können. Ich melde mich bei E-Bay an und komme so an die Handy-Nummer des Verkäufers. Ja, Heinrich Trumheller sei sein Bruder, er könne mir die Handy-Nummer geben. Der schüchterne ehemalige Radsportler sagt einem Interview-Termin zu, ist offen, aber doch irgendwie reserviert. Auch die Kontakt-Aufnahme nach dem Interview, um noch einige Punkte zu klären, gestaltete sich langwierig und schwierig. Wahrscheinlich redet Trumheller einfach nicht so gerne.