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Hans Reder-Der Verschwundene

DDR-GESCHICHTE

DER VERSCHWUNDENE

VON DIRK KUNZ

Vor über einem Vierteljahrhundert lieferte ein evangelischer Pfarrer in der DDR fünf Ausreisewillige der Polizei aus. Die Kirchenbesetzer wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Ein einmaliger Fall in der deutsch-deutschen Kirchengeschichte. Bis dahin wurden solche Fälle immer gütlich, ohne Behörden, gelöst. Wie geht es dem Pfarrer heute, im Mai 2015?

Hans Reder lebt heute so als wolle er nicht mehr gefunden werden, in einem 1600 Seelen-Ort, etwa 20 Kilometer nördlich von Kassel. Das Haus selbst, in dem der 87-Jährige eine kleine Wohnung gemietet hat, liegt versteckt, etwas versetzt zur Dorfstraße. Die Mietwohnung hat er vor 26 Jahren bezogen, kurz nach seiner Ausreise aus der DDR, ein knappes Jahr nach dem Ereignis von Weimar, das ihn zerstört und gebrochen hat, wie er sagt.
Schon Reders Vater war Pfarrer und starb früh in den Armen seines Sohnes an einem Sonntagnachmittag an einem Schlaganfall, da war er gerade zehn Jahre alt. Als Trauma bezeichnet er diese Begebenheit. Er zog mit der Mutter zu den Großeltern nach Eisenach und machte dort Abitur. Mit 16 Jahren eingezogen, haben ihn seine Kriegs-Erlebnisse zum zweiten Mal seelisch tief erschüttert. Als Soldat, zum Bahnhofsdienst eingeteilt, kümmerte er sich um die Züge von der Westfront, die auf ihrer Fahrt aus der Luft beschossen worden waren. Das Blut sei aus den Waggons rausgelaufen und die Menschen seien furchtbar zugerichtet gewesen. Er spricht von schrecklichen Alpträumen, die er seit dem hat.
Reder wollte ursprünglich Jurist werden, doch sein bürgerliches Elternhaus ließ einen Studienplatz für Jurisprudenz in der sowjetischen Besatzungszone in weite Ferne rücken und so wandte er sich der Theologie zu. Das sei eine Vernunft-Entscheidung gewesen.

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Hans Reder während der DDR-Zeit in der Herder-Kirche.             Foto: privat

Die erste Pfarrstelle trat der Wintersportbegeisterte am Südhang des Thüringer Waldes an. Nach einigen Jahren wurde er Pfarrer in Berlin. In dieser Zeit berichtet er auch über den ersten Kontakt mit der Staatssicherheit. Am Alexanderplatz sei er drei Stunden verhört worden wie im Film: Herabgelassene Jalousien, angestrahlt von einer Tischlampe wurde ihm Zigarettenrauch ins Gesicht geblasen. Beihilfe zur Republikflucht war der Vorwurf. Ein kirchlicher Mitarbeiter von ihm schleuste junge Menschen von Ost- nach West-Berlin. Reder war darin aber nicht involviert und so ließen sie ihn laufen.
Im Jahr 1970 ergab sich für Reder die Möglichkeit (die sich später aber zerschlug), eine Auslandspfarrdienststelle in Schweden anzutreten. Er sprach die Sprache und hatte dort Familie. Im Zuge dieser Bewerbung musste er beim Staatssekretär für Kirchenfragen vorsprechen. Reder schildert nun, dass der Sekretär sein Ansinnen unterstützte, aber sicher gehen wollte, dass er später auch wieder in die DDR zurückkomme. Er solle eine Rückkehr-Erklärung unterschreiben. Von einer Absichtserklärung zur Mitarbeit bei der Staatssicherheit, wie es teilweise kolportiert wird, könne aber keine Rede sein. Nach Reders Auffassung gab es keine Zusammenarbeit mit der Stasi. Reder hatte aber auch persönliche Beziehungen zu hochrangigen westdeutschen Politkern, und seine Überzeugung, auch deswegen unter Beobachtung der Staatssicherheit zu stehen, erscheint nicht ganz abwegig. „Ich hatte hin und wieder Kontakt mit einem Mitarbeiter des Außenministeriums, wenn es darum ging, Reisen vorzubereiten. Mehr nicht!“ Später ergänzt Reder, dass er ein- bis zweimal im Jahr Gespräche mit Mitarbeitern des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten hatte, bei denen es aber ausschließlich um eine Erörterung und Beurteilung spezieller außenpolitischer Sachfragen gegangen sei.

Das dritte Trauma

Es ist der zweite Adventssontag 1988, ein relativ kühler grau-trister Dezembermorgen. In der Herderkirche in Weimar soll an diesem Tag neben dem Gottesdienst ein junger Mann aus Halle getauft und ein Ehepaar aus Leipzig zur Goldenen Hochzeit eingesegnet werden. Seit zwölf Jahren ist Superintendent Hans Reder im Amt. Sein geistiger Horizont ist groß und weit. Er versteht sich auszudrücken, sagt Pfarrer Dr. Christoph Victor, der die Weimarer kirchlichen Strukturen sehr gut kennt; und der Theologe Wolfram Lässig ergänzt: „Er ist ein brillanter Rhetoriker, ganz im Sinne seines Namens.“ In der engen und kleinen DDR wirken Reders Kontakte und Reisen ins Ausland beeindruckend, er gibt sich weltmännisch und kommt direkt aus der Hauptstadt ins beschauliche Weimar. Gegen neun Uhr betritt der streitbare Pfarrer seine Kirche, um letzte Vorbereitungen zu treffen. Doch an diesem 4. Dezember haben sich fünf Ausreisewillige in der Sakristei verschanzt. Sie wollen damit ihrem Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik Nachdruck verschaffen. Der Superintendent ist wütend, brüllend stürmt er durch das Kirchenschiff auf die Sakristei zu. In dem Raum befindet sich sein Talar, Haustürschlüssel und das Predigtkonzept. „Gebt mir meine Sachen raus“, poltert er. Das ist bereits die vierte Besetzung. Die Herder-Kirche ist für diese Art der Okkupation prädestiniert, es gibt dort sanitäre Anlagen, die ein relativ komfortables längeres Verweilen zulassen. Außerdem erkennt er zwei Besetzer aus früheren Aktionen. Diesmal will er durchgreifen. Sie gehen nicht eher, bis sie die Zusage zur Ausreise haben, sagen die fünf Erwachsenen, unter denen sich drei promovierte Ärzte befinden. Reder möchte die Oppositionellen herausdrängen, es kommt zu einem kleinen Tumult. Volker Brüheim, einer der Besetzer sagt, dass Reder ihnen die Sachen, die sie dort deponiert haben, wegnehmen möchte. Das unterbinden sie, indem sie die Taschen an sich ziehen. Reder nimmt das wohl als Handgemenge wahr.
Ohne ausgearbeitete Predigt und mit einem Ersatztalar versieht er an diesem Sonntag seinen Dienst und konstatiert eine bleierne Schwere, die über dem gesamten Gottesdienst hing.
Reder will Werner Leich, den Landesbischof von Eisenach, anrufen, erreicht ihn aber nicht, der befindet sich auf Dienstfahrt im ostthüringischen Schmölln. Also ruft er die Polizei. Der gegenüber spricht er von Hausfriedensbruch und Körperverletzung. Die Besetzer sollen nach dem Gottesdienst festgenommen werden. Den zuständigen Oberkirchenrat Hans Schäfer zu informieren, weigert er sich: Der sei zu weich, diskutiere zu viel, er nähme das auf seine Kappe.
Die Besetzer geben nicht auf, auch nicht als die Stasi ihnen verspricht, ihnen passiere dann nichts. Reder wird ungeduldig, ihm ist kalt: „Nun walten Sie Ihres Amtes!“ Damit lässt er die Anwesenden allein. Die Ausreisewilligen verlassen in Handschellen durch die Hintertür die Kirche.

Die Stadtkirche St. Peter und Paul in Weimar, im Volksmund Herder-Kirche genannt.

Die Stadtkirche St. Peter und Paul in Weimar, im Volksmund Herder-Kirche genannt.                                     Foto: privat

Der Gemeindekirchenrat distanziert sich von dem gewaltsamen Ende der Kirchenbesetzung. In einer Versammlung im Januar 1989 spricht die Mehrheit der Mitarbeiter Hans Reder das Misstrauen aus. Der uneinsichtige Reder fühlt sich verkannt. Im März geht er in den von ihm beantragten Vorruhestand und bemüht sich nun, nach Westdeutschland auszureisen, während die fünf Kirchenbesetzer bereits verurteilt im Gefängnis sitzen. Im Oktober, noch vor der Grenzöffnung, verlässt er beinahe unbemerkt die Stadt und zieht in einen kleinen Ort nach Nordhessen.

ERKLÄRUNGSVERSUCHE

Warum hat Reder so gehandelt? Es war wohl eine merkwürdig-unheilvolle Melange aus juristischen, theologischen und individuell-psychologischen Faktoren, die ihn beeinflusst haben:
Zunächst sagt er, dass in der verbarrikadierten Sakristei viele persönliche Gegenstände lagen, an die er nicht mehr herankam (Haustürschlüssel, Predigt und Talar). Adäquates Auftreten und Habitus waren Reder wichtig. Dirk Marschall, schon damals und noch heute Diakon in Weimar, erinnert sich, wie Reder Pfarrer rügte, die zu einem Schüler-Treffen in der Herder-Kirche im Anzug statt im Talar erschienen. Nach Christoph Victor war Reder wohl auch frustriert und hatte genug von den vielen Besetzungen, obwohl er in die ersten drei anscheinend nicht näher involviert war.
Reder ist auch heute noch zutiefst überzeugt, dass Menschen nicht ihre eigenen persönlichen Wünsche dadurch zum Ausdruck bringen dürfen, dass sie eine Kirche besetzen. Bei der Herder-Kirche in Weimar handele es sich um eine der ehrwürdigsten Kirchen Mitteldeutschlands. Die Kirchenbesetzung könne kein Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele sein .
Er sah in der Besetzung nach eigenen Angaben eine Entweihung der Kirche. „Ich musste die ganze Zeit an die Tempelreinigung Jesu denken. Der hat die Händler und Geldwechsler doch aus dem Gotteshaus geworfen, weil sie dort ihre eigenen Interessen zu ihren Gunsten wahrnehmen wollten.“ Der Staat sei zum Handeln verpflichtet gewesen, um die Würde des Gottesdienstes wieder herzustellen.
Er habe doch auch explizit keine Anzeige erstattet. Die Polizisten hätten ihn ja noch gefragt, ob er das wolle, er habe das verneint, er wollte nur, dass die Kirche wieder frei sei. In einer Aktennotiz des MfS des gleichen Tages jedoch steht, dass Reder mündlich Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Behinderung bei der Pfarrtätigkeit erstattet hat.
Reder hat rein formaljuristisch betrachtet rechtens gehandelt, sagt Wolfram Lässig, er war Nachfolger Reders als Superintendent und blieb bis 2006 im Amt. Die Besetzer seien widerrechtlich in die Sakristei eingedrungen und hatten Reder seine persönlichen Sachen vorenthalten, außerdem müsse ein Pfarrer natürlich auch den gottesdienstlichen Ablauf schützen. Darauf habe sich Reder ja immer berufen. Damit will der 71-jährige Theologe aber Reders Handeln nicht entschuldigen: „Was Recht ist, kann trotzdem falsch sein. Statt die Hilfe- und Zufluchtsuchenden zu unterstützen, hat er sie ans Messer geliefert.“
Jobst-Dieter Hayner (75 Jahre) war damals Reders Stellvertreter und leitete nach dessen Weggang den Kirchenkreis Weimar kommissarisch: „Reder war zu keiner Zeit bereit, bezüglich seines Krisenmanagements während der Kirchenbesetzung Fehler einzugestehen.“ Das sei ihm insgesamt sehr schwer gefallen.

Hans Reder, 87 Jahre. Foto: KUNZ

Hans Reder, 87 Jahre.                                                                                                                                            Foto: KUNZ

Um Vergebung hat er die fünf Besetzer nie gebeten, auch heute noch fühlt er sich juristisch und moralisch im Recht: „Die Besetzer wussten, was sie taten. Sie haben dieses Gotteshaus entweiht. Das hat mich empört, auch dass es viermal hintereinander passiert ist.“ Ihm sei einfach der „geistige Kragen“ geplatzt. Und schließlich habe es danach auch keine Kirchenbesetzung in Weimar mehr gegeben.
Dass die DDR ein Unrechtsstaat war, der oft geringfügige Vergehen unverhältnismäßig hart bestrafte und man seine Rechte nicht einklagen konnte, lässt er nicht gelten. Er beruft sich aber auch auf seine angeschlagene Gesundheit, schon vor der Kirchenbesetzung. „Ich befand mich in einem Zustand ausgesprochener emotionaler Erschöpfung. Vielleicht hätte ich –wäre ich vollkommen gesund gewesen- nicht so die Nerven verloren.“
Heute ist Reder ein gebrochener Mann. Er leidet unter einer akuten Herz-Lungen-Krankheit. Zwei schwere Krebsoperationen, Eingriffe an Knie und Hüfte lassen ihn kaum noch die Wohnung verlassen. Er steht unter starken Schmerzmitteln.
Morgens und abends schaut eine Pflegerin vorbei und hilft ihm beim An- und Ausziehen. Zweimal die Woche kommt eine Kraft, die ihn badet. Einmal die Woche eine Reinigungshilfe.
Seine Frau ist vor sechs Jahren gestorben. Die letzten drei Jahre hat er sie gepflegt.
Die Ehe blieb kinderlos: „Letztendlich war ich immer allein. Ich warte auf meinen Tod!“
Gegen Ende des Gesprächs gibt mir Hans Reder diverse vergilbte Zeitungsausschnitte und Unterlagen mit, auch von seinen vielen Reisen aus deutschen und schwedischen Zeitungen, auch ein verfilmtes von ihm verfasstes Drehbuch über die Reformation ist darunter. Stationen einer Theologenkarriere im Sozialismus: „Sie müssen erst alles lesen, dann haben sie das richtige Bild von mir. Dann wissen sie, wer ich gewesen bin und was ich geleistet habe. Sicherlich war ich kein Reformer oder Friedenskämpfer, ja und vielleicht war ich zu arglos, aber ich bin kein Schwein gewesen. Ich habe niemanden verraten!“

War Hans Reder ein Verräter?

War Reder Informeller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit? Die Aktenlage der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin ist dünn und das hat auch einen Grund: Ein Vermerk vom 4. Dezember 1989 weist an, die Akte IMS „Beier“ (Registrierungsnummer XV/1535/70) Teil I und Teil II zu löschen, versehen mit zwei handschriftlichen Haken, dass dies anscheinend auch getan wurde. Dass die Akte gelöscht wurde, steht noch auf mindestens zwei anderen Karteikarten.
Es gibt aber ein Formular des MfS aus dem Jahr 1970 zum Anlegen eines IM-Vorganges. In diesem taucht lediglich der Deckname auf („Beier“). Reders Klarname erscheint dort nicht, was auch nicht ungewöhnlich ist, wohl aber die genaue Adresse, unter der IM „Beier“ wohnt: Die Pfingstkirche in Berlin Friedrichshain. Dort hat Hans Reder von 1958 bis 1977 gelebt und gearbeitet. In dem Formular steht geschrieben, dass „der Kandidat als Vorsitzender der Pfarrerbruderschaft die Möglichkeit hat, über interne Besprechungen zu berichten“ und die Perspektive, in eine leitende Stellung der Evangelischen Kirche aufzurücken.  Seit Juni1970 wird Hans Reder also von der Berliner Zentrale als IMS „Beier“ geführt. Auf der Karteikarte steht zunächst IMV, das heißt, er sollte  für eine Mitarbeit gewonnen werden, das ist durchgestrichen und wurde durch IMS ersetzt, eine Stasi-Bezeichnung für Personen die in sicherheitsrelevanten Einrichtungen beschäftigt waren und ohne besonderen Anlass über das Verhalten von Personen berichten sollten.
Nun sagt eine IM-Registrierung für sich genommen noch nichts über die Qualität und Intensität der Zusammenarbeit aus. Und in dem Wenigen, was über Reder niedergeschrieben und nicht gelöscht wurde, haben sich auch noch völlig unverständliche Fehler eingeschlichen. So steht auf einer Karteikarte aus dem Jahr 1971, dass Reder von der Kirchenleitung zum Superintendenten im Kirchenkreis Berlin-Brandenburg (mit Abstimmungsergebnis) gewählt wurde. Das ist nachweislich falsch. Reder war dort nie Superintendent. Der ehemalige Superintendent im Kirchenkreis Friedrichshain und Reders Berliner Weggefährte Detlef Wilinski bestätigt. “Was in den Stasi-Akten steht, ist nicht immer das wahre Evangelium.”
Reder selbst wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen zu sein und kann sich nicht erklären, warum eine Akte über ihn angelegt wurde. Natürlich muss man die subjektiven Einlassungen von Belasteten beachten, aber oft sagen diese eben wenig aus. Verdächtige beschönigen oder verdrängen oft Sachverhalte oder lügen gar bewusst. Ein guter IM ist geübt im Erfinden von Legenden. Wenn die Akten vernichtet wurden oder nicht auffindbar sind, wird es noch schwieriger, die Wahrheit zu erkennen.
In den Akten, die die Stasi über Bischof Werner Leich, seinen damaligen obersten Vorgesetzten, angelegt hat, taucht Reders Name nicht auf. Auch in den Stasi-Unterlagen über Diakon Dirk Marschall ist von Reder nichts zu lesen. Und in der Akte von Jobst-Dieter Hayner ist ebenfalls kein Bezug zu Hans Reder zu finden: „Ich glaube nicht, dass er Stasi-Informant war“, sagt sein damaliger Stellvertreter.
Wolfram Lässig, Reders Nachfolger, hat ihn seit 1983 in Weimar erlebt und seine eigene Akte nie eingesehen, aber er hat ihn bis heute nicht im Verdacht, IM gewesen zu sein.
Reder liebte die preußischen Tugenden und sei ein ordnungsliebender Mensch gewesen, sagt Lässig. Den Aufruhr, den die oppositionellen Kräfte und die Jugendlichen mit in die Kirche brachten, habe ihn genauso gestört wie er dem Staat aus anderen Gründen verdächtig war. Reders Affinität zu den staatlichen Stellen ließe sich dadurch erklären, dass sie vom Ergebnis die gleichen Gegner hatten: „Er musste kein Mitarbeiter der Stasi sein, um so zu handeln, wie er es getan hat“, sagt Lässig.
Und tatsächlich verstärkte das MfS geschickt die in der Kirche oft vertretene Meinung, dass es sich bei den Oppositionellen nur um Leute handele, die unter dem Dach der Kirche Zuflucht suchten. Erfolgreich war der Staat mit dieser Argumentation vor allem bei Amtsträgern, die konservativ auf Besitzstandswahrung setzten und die Kirche gegen alles abschotten wollten, was in ihren Augen die Gefahr von Verfälschung in sich barg.
Aufgrund gemeinsamer Ziele (Schutz vor modernistischen Einflüssen) kombiniert mit Reders Profilierungsstreben („Er stand gerne im Mittelpunkt und wollte in seinem Amt geschätzt werden“, so sein damaliger Stellvertreter Jobst-Dieter Hayner) gab es zumindest wichtige Anknüpfungspunkte zwischen Reder und dem DDR-Staat. Ja, es gab auch den Fall, dass Personen als heimliche Zuträger der Stasi geführt wurden, ohne es zu wissen, und so entbehrt es letztlich nicht einer gewissen tragikomischen Ironie, dass der schwerwiegendeste Beweis für Reders Stasi-Verstrickungen der Hinweis auf die Löschung seiner Akte ist.  Denn die Ausführung dieses letzten Befehls eines sterbenden Staates sollte ja bewirken, dass alle belastenden Indizien vernichtet werden sollten.

DIE KIRCHENBESETZER

MARGIT WACHE

Die heute 68-Jährige wurde damals zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Pfarrer Reder kam ihr an diesem Sonntag nervös, impulsiv und insgesamt ungehalten vor. Auch ihr Schwiegersohn, der sie an diesem Morgen zur Kirche gefahren hat, wurde als “Mittäter” zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Nach vier Monaten wurde sie von der Bundesrepublik frei gekauft. Die Rentnerin lebt heute mit ihrem Mann in Solingen. In ihrer Stasi-Akte steht Wichtiges und Nichtiges, oft sogar, welche Kleidung sie trug. Der Name Reder oder IM Beier taucht aber nicht auf.

DR. VOLKER BRÜHEIM

Der 59-jährige Chirurg aus Dortmund ist von Reders Stasi-Verflechtung überzeugt, er wurde zu 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt und saß bis zum September 1989 in Chemnitz im Gefängnis, bevor er schließlich freigekauft wurde. Die Gerichtsverhandlung habe unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden, nur mit zwei kirchlichen Beobachtern, bei denen sich später herausstellte, dass es Mitarbeiter des MfS waren. Reder sagte im Prozess übrigens nicht aus. In einem Aktenvermerk des MfS steht, dass man vor seiner Befragung vor Gericht Abstand nehmen solle, um eine weiteren “Verleumdungskampagne” gegen ihn zu verhindern. Dem Arzt war Reder schon vor dem 4. Dezember 1988 bekannt und negativ aufgefallen. Er wusste, dass es bei einer Kirchenbesetzung mit Reder Probleme geben würde. Reder habe die Körperverletzung vorgeschoben, denn laut eines internen Kirchenschreibens durfte bei einer Kirchenbesetzung nur bei einem tätlichen Angriff die Polizei eingeschaltet werden. Der Name Reder taucht in seiner Stasi-Akte nicht auf, was ihn aber nicht verwundert, denn sie sei „gesäubert“ worden. Brüheim hat nach der Wende 1990 Anzeige gegen Reder erstattet, das Verfahren sei eingestellt worden, weil der Staatsanwalt die Einlassung von Reder als glaubhaft einstufte. Im Jahr 2008 als er hörte, dass Reder als IM tätig gewesen sein soll, zeigte er ihn erneut an. Inzwischen sei die Tat von Reder aber bereits verjährt gewesen.

DR. RENATE BIEDERMANN

war nicht zu erreichen. Das MDR-Polit-Magazin Fakt erklärt in einem Beitrag am 16. Juni 2015, einen Monat nach meiner Veröffentlichung, dass sie vor der Kirchenbesetzung drei Jahre lang immer wieder erfolglos versucht habe, Ausreiseanträge in die BRD zu stellen. Sie war damals Chefärztin in Weimar und hatte ihre Arbeitsstelle verloren. In der Aktion sah sie demnach den letzten Ausweg, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen und, um in den Westen ausreisen zu können. Hans Reder sei an dem Adventssonntag aggressiv und unbeherrscht gewesen und sei in der Saktristei wie ein jähzorniger Satan herumgesprungen.

DR. AXEL KIRCHNER

führt heute eine Zahnarztpraxis in Köln. Trotz mehrmaligen Kontaktierens war er zu einer Stellungnahme nicht bereit.

FRANK EICHLER

wollte sich zur Kirchenbesetzung nicht mehr äußern und war auch nicht mehr erreichbar.

 

NACHWORT

VON DIRK KUNZ

DirkKunzWar Reder ein Stasi-Spitzel? Auf Befehl von Oberst Joachim Wiegand, den letzten Chef der MfS-Kirchenabteilung, wurden die wichtigsten IM-Akten aus dem Kirchenbereich vernichtet, darunter auch Anfang Dezember 1989 die von Hans Reder. Seine Berichte, die dort eventuell abgeheftet waren, sind unwiederbringlich verloren. War der ominöse Mitarbeiter des Außenministeriums („Herr Berger war ein freundlicher und gebildeter Mann“) in Wirklichkeit Stasi-Mitarbeiter? Reders Frau habe diesen einmal direkt darauf angesprochen und er habe das entschieden verneint. Reder ist überzeugt, dass das Anlegen seiner Akte mit seinen Auslandskontakten nach Skandinavien zu tun haben müsse. Er sieht sich selbst eher als jemand, der sich durch sein Handeln gegenüber der DDR in Misskredit gebracht habe. Seine ökumenischen Ziele, die Partnerschaft zwischen Weimar und einer finnischen Stadt sei nie im Sinne der DDR gewesen. Mir gegenüber hat er bereitwillig eine Einwilligungserklärung unterschrieben, damit ich in seine Stasi-Akte Einsicht nehmen kann. Tat er das so freizügig, weil er wusste, dass von ihr kaum noch etwas übrig ist oder hat er ein reines Gewissen?
Die MfS-Namen, die auf den erhaltenen Karteikarten von Reder auftauchen sind allesamt hochrangige Stasi-Mitarbeiter: Franz Sgraja, ein hoher Stasi-Offizier, der 1972 sogar die kirchenpolitische Abteilung leitete, auch Klaus Roßberg wird mehrmals genannt, der bis zu der Wende der 1. Stellvertretender Leiter war. Hatte man sich von Reder karrieretechnisch mehr versprochen und konnte er diese Erwartungen vielleicht nicht erfüllen? Warum ist die Akte eines eventuell unbedeutenden Inoffiziellen Mitarbeiters gelöscht worden? Vielleicht wollte sich sein Führungsoffizier reinwaschen, einige hatten sich vielleicht erhofft, in den Staatsdienst übernommen zu werden. Reders Agieren während der Kirchenbesetzung ist ihm heute eher unangenehm, obwohl er nicht bereit ist, sich zu entschuldigen. Er bittet mich, sein ganzes Leben nicht nur auf den kurzen Moment der Kirchenbesetzung zu fokussieren. Sein Auftreten früher wurde oft als selbstherrlich beschrieben, viele Weggenossen, die erfahren, wie es ihm heute ergeht, empfinden wenig Mitleid.

REQUIESCAT IN PACE † 17. Mai 2016
Im Amtsblatt Nr. 7 der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland vom Juli 2016 steht in drei dürren Zeilen auf Seite 126 unter der Rubrik „Heimgerufen wurden“: Superintendent i.R. Hans Martin Reder, geboren 12. Juni 1927 in Heinrichsfelde/Schlesien, zuletzt in Weimar, verstorben am 17. Mai 2016 in Hofgeismar.

 

Literaturhinweis:
Christoph Victor: Oktoberfrühling- Die Wende in Weimar, Weimarer Schriften, Heft 49, 1992, S. 11-19.

Walter Schilling: Die „Bearbeitung“ der Landeskirche Thüringen durch das MfS, in:
Clemens Vollnhals (Hrsg): Die Kirchenpolitik von SED und Staatssicherheit, 2. Auflage, Ch. Links Verlag, Berlin 1997,  S. 211 ff. (Einige allgemeinen Aussagen über das MfS und IM wurden dem Aufsatz entnommen.)