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ROLF GÖLZ

PORTRÄT

Der Nüchterne

„Tour-Sieger werde ich nie, aber Millionär“ hat Rolf Gölz einst gesagt und er sollte Recht behalten. Er war einer der erfolgreichsten deutschen Radrennfahrer in den 80er Jahren und galt als Klassikerspezialist. Auch nach seiner Karriere blieb der Geschäftsmann erfolgreich.

Rolf Gölz

Rolf Gölz mit seinem original Colnago-Rad aus den 80er Jahren vor seinem Radgeschäft in Bad Waldsee.

VON DIRK KUNZ (TEXT UND FOTOS)

BAD WALDSEEDie 17. Etappe der Tour de France läuft auf einem Bildschirm im weitläufigen Verkaufsraum des Radgeschäftes von Rolf Gölz in Bad Waldsee. Der ehemalige Profi und zweifacher Tour-Etappensieger schaut nur kurz auf den Flachbildschirm. „Das ist lange her.“ Während des Tages hat er wenig Zeit, das Rennen zu verfolgen. Abends schaut er manchmal die Zusammenfassung an. Sentimentalitäten sind seine Sache nicht.
Nach seiner Radsportkarriere studierte Gölz BWL. Eine Vernunft-Entscheidung. An Ingenieurwissenschaft traute er sich nicht ran („Zuviel Mathematik“) und da er ein Fahrradgeschäft eröffnen wollte, bot sich das Wirtschaftsstudium an, außerdem konnte er zu Hause wohnen, da sich die FH Biberach in der Nähe befand. Danach hat er ein Jahr in seinem Radgeschäft gearbeitet, direkt im Laden stehen und verkaufen wollte er aber langfristig nicht, so kam die Offerte von Hans-Michael Holczer 2002 genau zur richtigen Zeit. Bis 2006 war er sportlicher Leiter für das Team Gerolsteiner. Danach arbeitete er zwei Jahre für einen lokalen Autovermieter als Controller. Dann bekam Gölz das Angebot, einen Rad-Online-Handel zu eröffnen. In seinem Radgeschäft kümmert er sich um alle kaufmännischen Aspekte, sein Partner Rolf Weggenmann betreut das operative Geschäft. Bei dem Online Shop ist er alleiniger Geschäftsführer.
Rennsporträder gibt es in Gölz´ Geschäft nicht zu kaufen. Die waren beliebt in den 70er Jahren: Rennräder mit Schutzblech und Gepäckträger. So einen “Halbrenner” bekam er vor seiner Kommunion vom Stief-Großvater, der selbst Rennfahrer war, geschenkt.

Erstes Rennen gewonnen

Damit hat er sein erstes Rennen bestritten. Der lokale Radsportverein suchte Talente: Drei Kilometer auf einem Feldweg von Bad Schussenried nach Otterswang und zurück. Auf der gleichen Strecke fährt er noch heute regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit (Jahrestrainingskilometer: 3000). Der Zwölfjährige durfte aber eigentlich gar nicht starten. Er war gerade gegen Pocken geimpft worden und von schweren körperlichen Anstrengungen wurde abgeraten. Gölz schlich sich zum Rennen und gewann. Der Radverein stellte ihm ein richtiges Rennrad und fortan trainierte er zweimal die Woche.
Die Erfolge stellten sich früh ein und kamen fast beiläufig- ein Charakteristikum seiner Karriere. Er fuhr als Junior im Straßenvierer, deshalb sollte er bei den Deutschen Bahn-Meisterschaften in der 4000 Meter Einerverfolgung starten. Er lieh sich ein Bahnrad, weil er selbst keines besaß, trainierte zweimal auf dem Oval und wurde 1980 Deutscher Meister der Amateure. Udo Hempel, sein Bahn-Rad Trainer von 1982 bis 1984, schwärmt noch heute von seinen begnadeten biomotorischen Fähigkeiten. Gölz sei absolut auf seinen Sport fokussiert gewesen, man habe ihn eher bremsen müssen. Nach einem dreistündigen intensiven Training habe man ihn regelmäßig mit sanftem Druck von der Bahn geholt. Sein Selbstvertrauen hinkte damals aber seinem Können hinterher. Es ging vor allem darum, ihm zu vergegenwärtigen, was er zu leisten im Stande war: „Seine Leidenschaft fürs Radfahren, kombiniert mit seiner Intelligenz machten seine Klasse aus“, sagt Hempel. Gölz gewann 1982 eine Silbermedaille bei der Bahnrad-WM in England, ein Jahr später Gold in der 4000 Meter Mannschaftverfolgung bei der WM in Zürich, bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles holt er Silber und Bronze auf der Bahn.

Ein Oberschwabe in Italien

Die Erfolge waren hervorragende Bewerbungsvoraussetzung für einen Profivertrag. Gölz hatte schon früh Kontakt zu Ernesto Colnago, auf einer Fahrrad-Messe in Köln kam der auf ihn zu, ob er nicht für das Profi Team Del Tongo-Colnago fahren wolle und so unterschrieb der Heimatverbundene bei den Italienern. Der sprachbegabte Oberschwabe war sofort integriert und konnte sich schnell auf Französisch, Englisch und Italienisch verständigen. Und wieder fuhr er sofort Resultate ein: Die Andalusien-Rundfahrt war sein erstes Profirennen, das er auch gewann, vor Miguel Indurain.
Giuseppe Saronni war der Spitzenfahrer seines Rennstalls, aber der 32-Jährige hatte seinen Zenit überschritten. Als Gölz realisierte, dass der etwas trainingsträge Italiener die Arbeit, die die Mannschaftskollegen für ihn leisteten nicht in Erfolge umsetzen konnte und wollte, fuhr er immer öfter auf eigene Rechnung. Im zweiten Profijahr habe sich Saronni gegen seine Giro-Nominierung ausgesprochen. Zwar hatte Gölz noch einen Vertrag, er sprach aber mit Ernesto Colnago und bat um Freigabe. Bis heute ist sein Verhältnis zu Saronni zerrüttet.
Die schnellen Erfolge im beinharten Profigeschäft erklärt Gölz damit, dass er in einer anderen Zeit Rad gefahren sei: Im Oktober habe man damals mit dem Radfahren aufgehört und erst kurz vor Weihnachten wieder langsam mit dem Sport begonnen. Relativ untrainiert seien die Profis dann zu den ersten Rennen gekommen. Gölz staunte nicht schlecht: Während der Andalusien-Rundfahrt im Februar seien die Rennfahrer 150 Kilometer auf dem kleinen Kettenblatt gefahren und lediglich die letzten 30 Kilometer vor dem Ziel begann das eigentliche Rennen. Der Wechsel zwischen Amateur und Profi ist dem im Winter immer fleißig trainierenden Gölz somit leicht gefallen. Nach dem Bruch mit dem Saronni-Team kam er 1987 zu Jan Raas´ Mannschaft Super Confex, nach drei Jahren fuhr er dann für Team Buckler-Colnago und 1991/92 war er bei Ariostea unter Vertrag. Dort fuhr er mit Moreno Argentin und Bjarne Riis. Nach acht Jahren Profiradsport war dann Schluss. Gölz hatte keine richtige Motivation mehr. Auch die Erwartungshaltung der Medien, Zuschauer und Arbeitgeber belasteten ihn. Der Druck, immer gewinnen zu müssen und die fehlende Wertschätzung von den Ergebnissen, wenn er „nur“ Zweiter wurde, hatten ihm die Freude am Fahrradfahren genommen.
Hartmut Bölts wollte ihn 1993 für den Mountainbike-Weltcup gewinnen. Da könne er doch ohne großen Aufwand mitfahren, meinte Bölts. So einfach sei das aber auch schon damals nicht gewesen. Ein Mountainbike-Rennen hat er zwar gewonnen, da ging es aber nur auf einem Schotterweg berghoch, den er halt mit einem Mountainbike anstatt mit dem Rennrad hochfuhr, technisch nicht besonders anspruchsvoll. Bei den Weltcup-Rennen sei er aber regelmäßig schon in der Qualifikation ausgeschieden, nicht zuletzt wegen der mörderischen Abfahrten. Nach einer solchen habe er im Tal so übersäuerte Beine gehabt, dass er berghoch auch nicht mehr schneller fahren konnte. Missen möchte er dieses Intermezzo aber nicht: „Der Zusammenhalt war toll.“

Tour de France Trophäen von Rolf Gölz

Rolf Gölz´ Sieg-Trophäen von der Tour de France 1987 und 1988. Er gewann die Etappe von Tarbes nach Blagnac und ein Jahr später den Abschnitt von Reims nach Nancy.

Auch heute noch blickt er gerne auf seine zwei Tour-Etappensiege zurück, auf die Meisterschaft von Zürich 1987 und ein Jahr später auf den Sieg im Fleche Wallonne. Vom Fahrertyp lagen dem Familienvater von zwei erwachsenen Söhnen einfach die klassischen Rennen. „Ich konnte kleinere Berge gut hochfahren, war sprintstark und kam immer gut durch den Winter, außerdem lagen mir die kühleren Temperaturen.“
Gölz ist Pragmatiker. Geld ist ihm wichtig, er möchte nicht jeden Euro zweimal umdrehen, der Vater war Beamter, im Hause Gölz wurde gespart. Als Jugendlicher ist er auch deswegen jeden Tag mit dem Rad zur Schule gefahren, weil er das gesparte Busgeld behalten durfte. Während der Tour de France 1989 hat er gesagt: „Tour Sieger werde ich nie, aber Millionär.“ Das sei ihm gelungen, zumindest in DM-Zeiten. Der 52-Jährige ist aber bodenständig geblieben und er protzt nicht. Er fährt ein zehn Jahre altes Auto und es ist kein Porsche. Er hätte während seiner Profi-Zeit mehr verdienen können. Er fuhr kaum gut dotierte Sechstage-Rennen und verzichtete alleine auf 500.000 Mark weil er 1992 seine Karriere vorzeitig beendete.

Doping

Gölz hat natürlich mitbekommen, dass auch zu seiner Zeit gedopt wurde. Es gab noch kein Epo, wohl aber Wachstumshormone, Anabolika, Amphetamine und Kortison. Es habe immer Fahrer gegeben, die mehr oder weniger genommen hätten. Es musste dann jeder selber beantworten, was er bereit war zu tun.
„Ich weiß aber auch, dass es möglich war an einem guten Tag ohne alles zu gewinnen: Das habe ich auch bewiesen.“ Das sei später in der Epo-Zeit nicht mehr möglich gewesen und deshalb möchte Rolf Gölz keinen Rennfahrer verurteilen, der da mitgemacht hat und er kann auch die Globalschelte gegenüber Armstrong nicht verstehen.
Er muss an die Tour de France 1987 denken, die letzte Austragung der Frankreich-Rundfahrt über 4000 Kilometer, einen seiner zwei Etappensiege holte er in diesem Jahr. Die letzten drei Tage waren alle Fahrer platt. 160 Kilometer wurde richtig langsam gefahren und wehe ein Fahrer hat sich nicht daran gehalten, erst die letzten 30 Kilometer ging es dann zur Sache. Man könne die Tour sauber fahren, dafür käme man halt etwas später an. Aber es läge eben auch in der menschlichen Natur, um jeden Preis gewinnen zu wollen. Gölz ist halt durch und durch Realist.

Seit 2013 verkauft Gölz und sein Geschäftspartner auf 600 Quadratmeter Fahrräder in Bad Waldsee.

Seit 2013 verkauft Gölz und sein Geschäftspartner auf 600 Quadratmetern Fahrräder in Bad Waldsee.

Ein Radamateur wird Letzter beim Einzelzeitfahren der Elite

Dreimal überholt, letzter Platz und doch gewonnen!

RenéSachseKopie

Der Thüringer René Sachse startet für den RC Gera 92 und wurde bei den Deutschen Meisterschaften im Einzelzeitfahren Letzter.                                                                                                  Foto: Wolfgang Schuh

Der Zeitsoldat René Sachse ist aktueller thüringischer Landesmeister im Einzelzeitfahren. Damit hatte er sich für die Deutschen Meisterschaften in dieser Disziplin in Einhausen (Südhessen) 2015 qualifiziert. Bei diesem Rennen ist der Amateur-Radfahrer am vergangen Wochenende Letzter geworden. Der Sieger Tony Martin ist im Schnitt zehn Stundenkilometer schneller gefahren.

Herr Sachse, Sie sind bei den Deutschen Meisterschaften im Einzelzeitfahren als Letzter ins Ziel gekommen mit großem Abstand zu dem Sieger. Hatten Sie sich verfahren?
Das nicht und wenn, weiß ich nicht, ob ich es so schnell gemerkt hätte, weil ich ohne Begleitfahrzeug fahren musste. Auf diesen Luxus, der bei vielen Profis Standard ist, muss ich leider verzichten.

Mal ehrlich, sind Sie nicht etwas deprimiert, wenn Tony Martin auf der gleichen Strecke 13 Minuten schneller ist?
Aber der hat auch nicht am Vortag noch in seinem alten Beruf als Polizist gearbeitet und ist dann am Abend alleine zum Rennen gefahren oder saß wie ich, weil ich Einzelkämpfer bin, am Renntag um zehn Uhr morgens noch in der Mannschaftsleitersitzung. Ich bin sicher, wenn sich bestimmte Stellschrauben in meinem Trainingsalltag optimieren ließen, wäre ich etwa drei Minuten schneller. Außerdem muss man es positiv sehen: Ich gehöre zu den 29 schnellsten Einzelzeitfahrern in Deutschland.

Wie haben Sie sich auf das Rennen vorbereitet?
Ich habe versucht, möglichst viele Einzelzeitfahren unter Rennbedingungen zu absolvieren, nur so bekomme ich die Rennhärte. Ansonsten habe ich sehr oft mit dem Zeitfahrrad trainiert, auch auf der Bahn bei mir zu Hause in Gera.

Mit welchem Vorsatz geht man in so ein Rennen? Sagt man sich: Letzter will ich nicht werden?
Ich war von Anfang an realistisch. Unter Profis habe ich wenige Chancen. Der Kurs war mit 45 Kilometern gut 15 Kilometer länger als das, was ich normalerweise im Rennen fahre. Es gab viele kleine Anstiege, die man erst unter Wettkampfbedingungen wirklich wahrnimmt. Die Stimmung war aber toll.

Wie oft sind Sie überholt worden?
Ich bin als Dreizehnter gestartet und drei Fahrer sind an mir vorbeigezogen. Das kommt bei den Zeitfahren, die ich sonst so fahre, selten vor. Allerdings habe ich bei diesem Rennen schon damit gerechnet.

Und im nächsten Jahr?
Möchte ich –wenn möglich– auf jeden Fall wieder dabei sein. Ich habe durch das Rennen an Erfahrung gewonnen und am Material, das ich verwende, lassen sich auch noch einige Sekunden herausholen.

René Sachse, Einzelzeitfahren Einhausen 2015

René Sachse mit 54 Km/h auf der Zielgeraden bei der DM im Einzelzeitfahren in Einhausen.               Foto: Angie Haase

Der 34-jährige Rad-Amateur wohnt in Gera und arbeitet in Augsburg. Er fährt zwischen 13- und 16.000 Kilometer im Jahr. Sein nächstes Ziel ist der Radweltpokal in St. Johann (Tirol) Ende August.

Mit René Sachse sprach Dirk KUNZ.

Der Abgehängte

Der Abgehängte

VON DIRK KUNZ

Heinrich Trumheller mit dem Deutschen Meistertrikot der Straßenfahrer aus dem Jahr 1992 vor seinem Lebensmittelgeschäft in Nürnberg. Foto: KUNZ

Heinrich Trumheller mit dem Deutschen Meistertrikot der Straßenfahrer aus dem Jahr 1992 vor seinem Lebensmittelgeschäft in Nürnberg.                                                                                                                                             Foto: KUNZ

NÜRNBERG Heinrich Trumheller, 42 Jahre, ehemaliger Profi-Radrennfahrer, spricht wenig und nimmt sich viel Zeit zwischen den Worten. Er redet leise und man hört auch nach über 20 Jahren in Deutschland, dass seine Muttersprache Russisch ist. Er erinnert sich an seine Anfänge als Sportler in der UdSSR. Er ging nicht ins Sport-Internat, wie so viele andere Talente. Sein Vater hat ihn zu Hause trainiert. Zu Hause, das war Naltschick, eine Großstadt im Nordkaukasus. Peter Trumheller wollte, dass sein Sohn eine ordentliche Ausbildung macht und regelmäßig die Schule besucht. In den Internaten zu Sowjet-Zeiten sei aber zu viel trainiert und zu wenig gelernt worden.
Nachmittags fuhr er dann mit seinem Vater regelmäßig zwei bis drei Stunden Rad. Montag und Donnerstag hatte er frei. 13.000 Kilometer als Elfjähriger, ein Jahr später schon gut 18.000 Kilometer und alles auf einem Rad mit Diamant-Rahmen aus DDR-Produktion: „Sehr groß, sehr schwer, aber viel besser als alles, was es in der UdSSR gab“, sagt Trumheller
Insgesamt sei in Russland härter trainiert worden, alles war professioneller organisiert und die Leistungsdichte der Fahrer sei beeindruckend gewesen.

Mit Vorsprung in den Westen

Und mit diesem Vorsprung kam er Mitte 1990 nach Deutschland. Sein Vater, selbst in der UdSSR erfolgreich in der russischen Nationalmannschaft gefahren, ist Wolga-Deutscher und zog mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen Harry und Heinrich nach Donaueschingen, weil die Familie dort Verwandte hatte. Freunde und Verwandte blieben zurück, das war für den älteren Bruder Heinrich schwierig, sportlich allerdings sei der Wechsel kein Problem gewesen. Trumheller gewann 1991 die Slowakei-Rundfahrt und auch das Traditionsrennen Köln-Schuld-Frechen. Ein Jahr später als Profi bei dem schweizer Helvetia-Team, belegte er bei der Tour de Suisse den sechsten Platz, nur 29 Sekunden hinter seinem großen Vorbild Greg LeMond, der damals Dritter wurde. Nur knapp verpasste er auf der siebten Etappe einen Sieg und musste sich in einem schweren Finale aufgrund eines taktischen Fehlers nur Sean Kelly geschlagen geben. Mit dieser bestechenden Form kam er zur Deutschen Meisterschaft am Sachsenring. Das Wetter war heiß, das kam ihm entgegen. So wurde er 1992 Deutscher Straßenmeister der Berufsradrennfahrer.

Frostige Franzosen

Als sein Team sich Ende des Jahres auflöste, hatte er die freie Wahl, es gab viele Angebote. Er ging zum französischen Castorama-Rennstall. Im Nachhinein wahrscheinlich nicht die richtige Entscheidung: „In Italien hätte ich mich wohl besser entwickeln können.“
Erst jetzt merkte er, was er verloren hatte: Das Helvetia Team sei taktisch und organisatorisch sehr gut aufgestellt und es war für ihn schon eine Art Ersatzfamilie.

Die Trainerlegende Paul Köchli, damals der sportliche Leiter von Helvetia, war stets darauf bedacht, den einzelnen Rennfahrer in eine Situation zu bringen, in der dieser sich optimal entfalten konnte und versuchte so, die natürliche Entwicklung des Fahrers zu optimieren. Bei Castorama fuhr jeder für sich, frostig sei das Klima bei den Franzosen gewesen. Das sei nicht zuletzt die Schuld von Cyrille Guimard, dem sportlichen Leiter, der diese egoistische Fahrweise auch noch forcierte und auf Trumheller oft gleichgültig und unmotiviert wirkte.
Nach zwei Jahren wechselte er 1995 zum Team Telekom und neben ihm verpflichtete der deutsche Rennstall auch noch Jan Ullrich, Amateurweltmeister von 1993. Der sei in seinem ersten Jahr genauso oft bei den Rennen abgehängt worden wie Trumheller selbst. Aber 1996 wurde Ullrich schon Zweiter bei der Tour de France und ein Jahr später gewinnt er überlegen das wichtigste und schwerste Radrennen der Welt, da fährt Trumheller schon im zweitklassigen Team Schauff – Öschelbronn.

Armstrong abgehängt und dann kamen die Aliens

Er hat 1989 bei der der Juniorenweltmeisterschaft in Moskau Lance Armstrong abgehängt, vier Jahre später wurde der Amerikaner Weltmeister der Elite-Fahrer in Oslo. Zum Ende von Trumhellers Karriere begann der Texaner die Frankreichrundfahrt siebenmal zu gewinnen. Ullrich und Armstrong, das seien schon große Talente gewesen, komplette Rennfahrer. Genau wie Trumheller!
„Ich habe noch ein oder zwei Jahre in der guten alten Zeit fahren können“, sagt er etwas wehmütig. Da wurden bei den Profis die ersten 80 Kilometer eines Rennens langsam gefahren und erst dann ging es los.

Was aber dann passierte, lässt ihn noch heute den Kopf schütteln. Er habe gesehen, wie die anderen Fahrer auf einmal fuhren. Wie Motorradfahrer seien die teilweise an ihm vorbei gefahren. Ganze Mannschaften seien gerast als kämen sie von einem anderen Planeten. Trumheller lacht leise, er lacht öfters, wenn er auf die unglaublichen Leistungsunterschiede zu sprechen kommt, es ist ein Lachen, das aus der Resignation gespeist wird. Es sei einfach völlig unmöglich gewesen, da mitzufahren. Ein guter Profi wolle er werden, so hat er es zu Beginn seiner Karriere formuliert. „Das ist mir nicht gelungen, gute Resultate habe ich nicht eingefahren“, sagt er heute selbstkritisch. „Meine größten Erfolge habe ich aber sauber errungen und ich bin lange Zeit nur mit Wasser und Brot gefahren.“
Er habe damals gewusst, wozu er in der Lage sei und dann seien unterdurchschnittliche Fahrer an ihm vorbei geflogen, die er früher nur am Start und beim Duschen gesehen habe oder große, schwere Fahrer hätten ihn am Berg stehen lassen, das sei deprimierend gewesen.
Als er seinem Vater damals die großen Leistungsunterschiede im Fahrerfeld mit Doping erklären wollte, habe der ihm nicht geglaubt „Du trainierst zu wenig!“, habe der gesagt, aber die Unterschiede seien so massiv gewesen, dass man so viel hätte trainieren können, wie man wollte.
In den Jahren 1998/99, am Ende seiner Laufbahn, habe er es dann selbst versucht. Er habe Epo ausprobiert, aber von einem medizinisch begleiteten strukturierten Doping wie bei anderen Fahrern sei er meilenweit entfernt gewesen, ihm hätten die Verbindungen gefehlt. Sein Vater habe ihn zur Fairness und Ehrlichkeit erzogen, aber er sei damals verzweifelt gewesen.
Mit 21 Jahren sah er wie sich sein Zimmerkollege eine Epo-Spritze gesetzt habe. Später tauchte ein anderer Teamkollege, ein Helfer eines mehrmaligen Tour de France Siegers, zum Frühstück und Mittagessen mit jeweils zehn Tabletten auf. Für den sei die öffentliche Einnahme von Dopingmitteln gar kein Problem gewesen.
Der verheiratete Familienvater Trumheller fährt heute nur noch sporadisch Rad, in seiner alten Heimat war er seit zehn Jahren nicht mehr. Gegen seinen Vater, der in diesem Herbst Zeitfahrweltmeister der Senioren über 70 Jahre geworden ist, hat er keine Chance. Er verkauft heute in Nürnberg in seinem Einzelhandelsgeschäft Delikatessen aus Osteuropa. Den Radsport verfolgt er kaum noch, zu seinen ehemaligen Radfahrkollegen hat er keinen Kontakt mehr.

 

NACHWORT

von DIRK KUNZ

DirkKunzHeinrich Trumheller ist schwer zu finden. Selbst in Zeiten des Internets. Es gibt einen Beitrag aus dem Jahr 2001 aus einer Deutsch-Russischen Zeitung, damals führte er noch ein Lebensmittelgeschäft in Nürnberg. Das Geschäft existiert so nicht mehr. Die jetzigen Geschäftsführer kennen den damaligen Marktleiter nicht. Ein paar Jahre später wechselte er zur Konkurrenz, wo er russische Schokolade, ukrainischen Gurken oder polnischen Vodka gegen osteuropäisches Heimweh verkaufte, so steht es in einem Artikel der Regionalzeitung. Aber sein damaliger Chef hat seit drei Jahren keinen Kontakt mehr zu Heinrich Trumheller. Es gibt im Nürnberger Telefonbuch einen (weiblichen) Eintrag mit diesem Nachnamen. Aber es geht niemand ans Telefon. Der Anschluss führt in einem Mehrfamilienhaus. Die anderen Familien kennen den Namen Trumheller nicht, wollen ihn nicht kennen oder legen einfach auf.
Der Vorsitzende eines örtlichen Radsportvereins ist sehr zuvorkommend und will sich in Nürnberg umhören: Die Radsport-Szene hier sei gut vernetzt, ich solle mich gegen Mitte der Woche noch einmal melden. Als ich einige Tage später zurückrufe, bedauert er: Nein, er könne mir auch nicht weiterhelfen, er habe mit einigen erfahrenen Vereinsmitgliedern gesprochen und ja, die kannten seinen Namen, aber mehr auch nicht. Es gebe in Nürnberg aber noch zwei weitere Radsportvereine, ich solle es doch da einmal probieren.
Der Pressesprecher des einen Vereins gibt mir die Nummer eines Besitzers eines Radsportgeschäftes, der beim Team Nürnberger sportlicher Leiter und Geschäftsführer war. Ja, der Heinrich, er sei einmal vor zwei Jahren eingeladen gewesen, zu einer Feier in seinem Lebensmittelgeschäft, aber er habe keine Handy-Nummer von ihm. Bei der Feier sei aber auch Dr. Albert Güßbacher, der ehemalige ärztliche Betreuer der Radnationalmannschaft der Amateure aus Nürnberg dabei gewesen. „Güssi“ wisse vielleicht eher, was Heinrich Trumheller gerade treibe.
Dr. Güßbacher kennt den Ex-Profi seit dieser in Nürnberg wohnt und Trumheller hatte ihn in sein Geschäft zum Schaschlick Essen eingeladen. Er gibt mir drei Handy-Nummern von Trumheller, zwei sind bereits an andere Mobilfunknutzer vergeben und die dritte Nummer existiere nicht. Albert Güßbacher beschreibt Trumheller als einen sehr stillen, zurückhaltenden und bescheidenen Sportler. So ein Mensch habe es schwer sich durchzusetzen.
Er gibt mir auch noch eine Adresse, dort sei er damals zum Essen eingeladen gewesen, aber in der Wettersteinstraße mit dieser Hausnummer ist im Netz kein Geschäft verzeichnet. Ein Anruf in einer Metzgerei, die sich ebenfalls in dieser Straße und Hausnummer befindet, bringt nicht weiter. Nein, sie wüssten nichts von einem anderen Geschäft. Auf E-Bay schließlich werde ich fündig. Da verkauft jemand mit einem anderen Vor- und einem ähnlich klingenden Nachnamen Fahrräder, die Interessenten sich an jener Adresse in der besagten Straße anschauen können. Ich melde mich bei E-Bay an und komme so an die Handy-Nummer des Verkäufers. Ja, Heinrich Trumheller sei sein Bruder, er könne mir die Handy-Nummer geben. Der schüchterne ehemalige Radsportler sagt einem Interview-Termin zu, ist offen, aber doch irgendwie reserviert. Auch die Kontakt-Aufnahme nach dem Interview, um noch einige Punkte zu klären, gestaltete sich langwierig und schwierig. Wahrscheinlich redet Trumheller einfach nicht so gerne.