Schlagwort-Archive: Wiederbelebungsmaßnahmen

Tod eines Lehrers: Torsten Mick stirbt

Torsten Mick stirbt

Digital StillCamera

Das Arbeitszimmer                                                                                                                                                     Foto: KUNZ

VON DIRK KUNZ

Der letzte Tag im Leben von Torsten Mick ist warm, fast zu heiß. Der Unterricht des Pädagogen beginnt an diesem Montag erst sehr spät. Er isst mit seiner Frau auf der Veranda zu Mittag. Es schmeckt ihm und sie sprechen darüber, wie gut es ihnen doch geht und fragen sich, womit sie so ein Glück verdient haben.
Mick treibt viel Sport, ist überzeugter Nichtraucher und trinkt wenig Alkohol. Auch versucht er bewusst, andere Überlastungen zu vermeiden: Seit einigen Jahren hat der Deutsch- und Politiklehrer seine Unterrichtsverpflichtung um die Hälfte reduziert. Die letzten Jahre versucht er bewusst, das Leben zu genießen. Sobald es die Arbeit und der Kalender zulassen, reist er: Amsterdam, Venedig, Paris, Côte d´Azur, das Baltikum und Polen. Seit einigen Jahren ist er überzeugt, früh zu sterben. Seine Frau tut das zwar etwas ab, aber es scheint fast so, als will er die Zeit, die ihm bleibt, mit möglichst vielen Erlebnissen füllen.
Gegen 14 Uhr macht sich Mick an diesem Spätsommertag auf den Weg zur Schule. Wann immer es geht, nimmt er für die elf Kilometer das Fahrrad. Beim Abschied ist er ungewohnt ernst, anders als sonst. Geht es ihm körperlich nicht gut oder denkt er schon an das Kaffeetrinken gegen 17.30 Uhr mit einem engen Familienmitglied? Das Verhältnis zu diesem ist problembeladen, das belastet ihn.
Schon vor zwei Wochen, als Mick und seine Frau in Düsseldorf ihr 30-jähriges Kennenlernen gefeiert haben, hat sie eine gewisse kaum spürbare Distanz gefühlt. Als er das Haus verlässt, ist sie im Begriff das Geschirr von der Terrasse in die Küche zu tragen und möchte ihn noch fragen, ob ihn etwas bedrückt, aber Torsten Mick ist schon weg. Sie überlegt noch einen Moment, ob sie ihm nachgehen soll, um das zu klären, tut es dann aber doch nicht. Sie kann ihn ja am Abend fragen.
Torsten Mick kommt etwa um 14.30 Uhr mit dem Rad an seiner Schule an.
Eine Spanisch-Lehrerin ist gerade auf dem Weg zum Nachmittags-Unterricht. Vor dem Haupteingang schließt Mick sein Rad an ein Geländer. Das ist verwunderlich, es gibt an einem Seitenarm des Gebäudes einen Fahrradabstellraum. Vielleicht ist er spät dran. Mick schaut zu der Kollegin auf, während er das Rad sichert und lächelt kurz. Sie erkennt es aber an seiner Mimik, dass er jetzt kein Gespräch will. Er sei mit sich selbst beschäftigt gewesen. Ihr fällt sein roter Kopf auf, sie erklärt sich das mit der hohen Temperatur und der sportlichen Betätigung.
Mick geht in das Klassenzimmer der siebten Klasse. Weil es dort so heiß ist, wechseln sie in einen kühleren Raum in der Nähe der Aula. An seinem letzten Wochenende auf dieser Erde hat er einen Deutsch-Test korrigiert, den er in der ersten seiner zwei Stunden mit den Schülerinnen und Schülern bespricht und zurückgibt. Es ist später Mittag, die Jungs und Mädchen sind unkonzentriert und unruhig. Manche sagen, dass seine Stimme anders geklungen hat, sie sei irgendwie rauer gewesen. Im zweiten Teil der Stunde gibt er ihnen Aufgaben, weil es ihm nicht gut geht. Er wird immer unruhiger, läuft im Klassensaal hin und her, er verlässt den Raum mehrmals und muss sich übergeben. Zu den Kindern sagt er, er habe einen Druck auf dem Brustkorb und ein Ziehen im Arm. In der Aula läuft er einsam mit erhobenen Armen umher. Zurück im Klassenzimmer geht er mehrmals zum Waschbecken, um seine Hände unter kaltes Wasser zu halten. Ein Schüler beobachtet, dass seine Hände so stark zittern, dass er Mühe hat, den Wasserhahn aufzudrehen. Viele sehen, dass es ihm nicht gut geht. Die Schülerinnen und Schüler sagen ihm sogar, dass er zum Arzt gehen soll. Mick sagt, er will den Unterricht zu Ende bringen. Er entlässt die Schüler früher, sie verabschieden sich und wünschen „Gute Besserung“. Mit blassem Gesicht und leiser Stimme bedankt er sich.
In der Aula trifft er einen Freund und Fachkollegen und sie reden miteinander. Auch ihm gegenüber räumt er ein, unter Brustschmerzen zu leiden und dass er einen ausstrahlenden Schmerz spürt, der bis ins Gesicht reicht.
Der Hausmeister sieht, wie die beiden sich in der Aula unterhalten. Vor einigen Jahren hatte er einen Herzstillstand. Völlig symptomlos war er während der Arbeit an einem Samstagmorgen in der Schule ohnmächtig zusammengebrochen, weil sein Herz aufgehört hatte zu schlagen. Er wurde von einem Arbeiter, der sofort Wiederbelebungsmaßnahmen einleitete, gerettet.
Eigentlich will er sie ansprechen, ob sie irgendein Problem haben, sieht aber, dass sie sehr ins Gespräch vertieft sind und möchte nicht stören.
Der tierliebe Torsten Mick kümmert sich in seiner Freizeit liebevoll um ein paar Esel eines Bekannten. Eine Eselin ist krank und bekommt täglich Medikamente, die will er eigentlich noch auf dem Rückweg auf einer Wiese entlang seiner Fahrradstrecke aufsuchen. Da er den Standort als abgelegen beschreibt, bittet er den Freund in der Aula doch mitzufahren, wenn er ohnmächtig wird, findet ihn dort niemand, sagt er. Der Freund, der nur etwa 500 Meter von der Schule entfernt wohnt, willigt ein. Er ist aber mit dem Auto in der Schule. Also fährt er mit dem Wagen zu sich nach Hause und Mick folgt zügig mit dem Rad. Der Kollege sieht ihn im Rückspiegel und denkt, dass es ihm so schlecht doch nicht gehen kann. Er holt das Rad aus der Garage und Mick wartet an der Straße vor dem Haus.
Auf dem Weg mit dem Rad zu den Tieren unterhalten sich die beiden auch über ihre Gesundheit. Dass Männer bis 60 Jahre besonders gefährdet sind, einen Herzinfarkt zu erleiden und dass er in seinem Alter ja noch zu dieser Risikogruppe gehört. Sein Hausarzt habe ihm aber gesagt, dass er uralt werden kann. Der Freund hat kein Handy dabei. Mick braucht seines fast nie, er hat es aber in der Satteltasche. Mick erklärt ihm, wie er es aktiviert, falls er dazu nicht mehr in der Lage ist. Er versichert seinem Freund aber, dass alles in Ordnung ist.
Nie auf dem Weg hat der Freund den Eindruck, dass es Mick schlecht geht, dass er nicht mehr treten kann, im Gegenteil, er fährt mit seinem Rad immer eine Radlänge vor ihm.
An der Koppel beschreibt der Fachkollege Mick bei seinen Esel als völlig selig. Er umarmt die Tiere und wirkt sehr glücklich, entspannt und völlig gesund. Sie unterhalten sich sogar über das schriftliche Abitur und dass Mick die Vorschläge noch konzipieren muss.
Nachdem die Tiere mit Futter und Medikamenten versorgt sind, fahren sie wieder zurück auf den Feldweg. Er besteht darauf, dass sein Freund zurückfährt und er macht sich alleine auf den Weg nach Hause. Wenn ihm jetzt etwas passiert, wird man ihn finden, sagt Mick. So gegen 17.30 Uhr trennen sich die Wege der beiden Freunde an einer Gabelung. Etwa fünf Minuten später fährt seine Frau zum Yoga und passiert -unweit ihres Hauses- die Stelle, an der in einer halben Stunde ihr Mann um sein Leben ringen wird. Später findet sie an dieser Stelle noch einen Knopf seines Hemdes.

Schließlich wird Torsten Mick noch von Weitem von dem Eigentümer der Esel gesehen. Mick wartet an einer Kreuzung, um die Straße zu queren. Er hat einen hochroten Kopf und ringt nach Luft.
Der diensthabende Notarzt im Städtischen Krankenhaus hat seit einer Stunde Dienst. Um 18.04 Uhr geht dort ein Notruf ein. Vier Minuten später ist er mit zwei Sanitätern vor Ort. Etwa 250 Meter von seinem Haus entfernt, hängt Torsten Mick mit seinem Körper über dem Lenker seines Rades, angelehnt an einem hüfthohen stabilen Metallzaun und ist nicht mehr bei Bewusstsein: „Klinisch gesehen war er tot“, sagt der Arzt. Er kann keine Kreislauftätigkeit mehr feststellen. Noch auf dem Bürgersteig, neben der Straße, beginnt er mit den Wiederbelebungsmaßnahmen. Torsten Mick wird fünfmal defibrilliert. Nach 20 Minuten kommt sein Kreislauf wieder. Auf dem Weg zum Krankenhaus ist der Patient stabil. Seine Pupillen reagieren und trotz seiner Intubation setzt ein spontanes Atmen ein. Sein Blutdruck liegt bei 130/70, Herzfrequenz 90. Um 18.35 Uhr erreichen sie das Krankenhaus. Im Reanimationsraum der Klinik kommt es bei ihm zum Kammerflimmern. Die Ärzte verabreichen Adrenalin und ein Medikament, das den Herzrhythmus stabilisieren soll. Der Kreislauf setzt wieder aus und kommt nicht wieder. Um 19.20 Uhr wird Torsten Mick für tot erklärt. Es ist der 23. September und er ist 59 Jahre alt geworden.
Gegen 20 Uhr kommt seine Frau zurück vom Sport in ein leeres Haus. Dass ihr Mann nicht da ist, findet sie ungewöhnlich, aber nicht besorgniserregend. Kurze Zeit später stehen die beiden Kinder vor der Tür, sie soll sich etwas anziehen, dem Vater ginge es nicht gut. Da war er schon über eine halbe Stunde tot. Sie fahren zum Krankenhaus. Torsten Mick liegt leblos auf einem Bett in einem Schocksaal der Herzkathederstation. Schließlich schieben sie den Leichnam in einen eigens dafür vorgesehenen Raum im Krankenhaus. Dort nehmen die engsten Angehörigen Abschied. Die Ehefrau bleibt die ganze Nacht und liegt in Decken gehüllt am Boden und spürt noch lange die Präsenz ihres Mannes, der aussieht, als ob er nur schläft.

Verdrängung, Verdrängung, Verdrängung

Herr Dr. Senges, Anzeichen eines Herzinfarktes sind starke Schmerzen hinter dem Brustbein, ausstrahlend in den linken Arm oder beide Arme, in Hals, Kiefer, Schulterblätter, Oberbauch oder Nacken. Da ist jetzt fast der ganze Oberkörper abgedeckt. Geht das nicht etwas spezifischer?
Dr. Senges: Nein, so stellt sich nun mal der Herzinfarkt dar. Alles, was an Schmerzen zwischen Hals und Zwerchfell vorkommt, ist ein potentieller Herzinfarktschmerz!

Wie viele Patienten, die denken, sie hätten einen Herzinfarkt, haben dann aber doch keinen?
Dr. Senges: Unser Register umfasst 12.000 Patienten aus bundesweit 55 Kliniken. Die Hälfte von denen dachte irrtümlicherweise, sie hätte einen Infarkt.

Von einem Herzinfarkt spricht man, wenn ein Herzkranzgefäß plötzlich durch ein Blutgerinnsel verschlossen wird. Wie kommt es dazu?
Dr. Senges: Da sind unter anderem die Fettablagerungen an der Gefäßinnenwand schuld, verursacht vor allem durch die Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, hohe Blutfettwerte, hoher Blutdruck oder Diabetes. Wenn die aufplatzen bildet sich ein Gerinnsel und verschließt das Gefäß.

Torsten Mick hat nicht geraucht, war schlank, hat viel Sport getrieben und hat seinen Stress reduziert. Die gesunde Lebensweise hat ihm nichts genutzt!
Dr. Senges: Zehn Prozent der Patienten haben keine dieser klassischen Risikofaktoren. Ich würde aber auch nicht sagen, dass sein gesunder Lebensstil ihm nichts gebracht hat, vielleicht hätte er sonst seinen Herzinfarkt viel früher bekommen. Vermutlich war er ein genetischer Hochrisikopatient, mich würde es nicht wundern, wenn es in seiner Familie kardiovaskuläre Erkrankungen gab.

In welchen Zusammenhang steht das unruhige Umherlaufen, oder warum ist er durch die Aula mit erhobenen Armen gewandert? Lässt sich das erklären?
Dr. Senges: Dafür gibt es keinen medizinischen Grund. Der Patient hat wahrscheinlich Schmerzen gehabt und gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Daraus resultierte seine Unruhe.

Die Schüler berichten, dass ihr Lehrer über ein Ziehen im Arm geklagt hat, aber das ist doch nun ein typischer Hinweis für einen Infarkt! ?
Dr. Senges: Unbedingt!

Und warum zieht es?
Dr. Senges: Das ist eine Ausstrahlung vom Herzen her und es zieht eher im linken Arm, weil das Herz links sitzt.

Schließlich übergibt er sich. Das scheint ja eine Begleiterscheinung eines Herzinfarktes zu sein!?
Dr. Senges: Es ist nicht typisch, aber es kommt vor. Man könnte das mit einer allgemeinen Unruhe des vegetativen Nervensystems erklären. Es ist alles im Aufruhr.

Hatte Torsten Mick eventuell in der Schule schon einen Infarkt?
Dr. Senges: Ja!

Und er hatte davon nichts mitbekommen?
Dr. Senges: Ich glaube, er hat das verdrängt. Ein Infarkt ist zwar immer ein Sofort-Ereignis. Aber es ist schon möglich, dass das Gefäß nicht ganz verstopft ist und er in der Schule einen sogenannten Präinfarkt hatte. Es ist eine Definitionssache, ab wann man es nun Infarkt nennt.

Bekommen manche Patienten von ihrem Infarkt nichts mit?
Dr. Senges: Ja, aber das ist eher selten, in fünf bis zehn Prozent der Fälle haben die Patienten einen stummen Infarkt.

Dem Patienten scheint es ja auf der Rückfahrt nach Hause wieder besser zu gehen, sein Bekannter hatte nicht das Gefühl, dass es ihm schlecht ging.
Dr. Senges: Auch hier spielt meiner Ansicht nach die Verdrängung eine wichtige Rolle.

Eine halbe Stunde später ist Torsten Mick tot. Er stirbt auf der Straße. Er war ein gebildeter Mensch, mit scharfem Verstand. Warum hat er die klaren Zeichen nicht richtig gedeutet?
Dr. Senges: Es geht wieder um das Nicht-Wahrhaben-Wollen. Das ist bei vielen Patienten so. Der Verdrängungsmechanismus ist die Hauptursache dafür, dass die Menschen nicht oder zu spät ins Krankenhaus kommen. Wenn man etwas aus der Geschichte um den Patienten lernen kann, dann das: Es ist ein Paradebeispiel für Verdrängung mit all ihren Konsequenzen bis hin zum Tod.

Herr Dr. Senges, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte: Dirk KUNZ

DrSenges

Professor Dr. Jochen Senges (72) ist Direktor des Institutes für Herzinfarktforschung in Ludwigshafen/Rhein. Foto: KUNZ